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Wenn man auf den Taishan steigt, weiß man, wie klein die Welt ist.

Wenn man auf den Taishan steigt, weiß man, wie klein die Welt ist.
登泰山而小天下。
Dēng Tài​shān ér xiǎo tiānxià.
 
 
"Oft steigen die Wolken nieder von den Gipfeln und brauen in Schluchten und Tälern. Sprühregen fällt, und der Wind pfeift durch die Felslöcher und macht die alten Kiefern ächzen, wenn er durch ihre haarigen Zweige fährt und sie rüttelt. Das wirkt wie ein Gespenstertanz. Bald breitet sich ein nasser, weißer Schleier vor die Landschaft und dringt durch Mäntel und Decken, bald löst er sich in Fetzen auf, die dort an Felsenzacken sich anhängen, während dazwischen plötzlich tiefe Täler sich öffnen. Dann gehen die Täler plötzlich wieder zu, und ein schmaler Sonnenstreif lässt irgendwo in der Luft ganz unwahrscheinlich ferne grüne Ebenen und silberne Flusswindungen sehen. So wallen die Wolken auf und ab. Sie kochen und brauen das Wetter zurecht. Ein Adler zieht durch einen Spalt, oder ein krächzender Rabe schwimmt trägen Fluges in die Nebelwand hinein.

Manchmal wird auch der Nebel aufgesogen, und hoch und steil treten die Felsen an den Weg heran. Glitzernd von Feuchtigkeit und tropfend von rieselnden Wassern steigt der Weg bergan. Bald kommt man an ein Tor, das Tor, wo man »die Pferde zurücklassen muss«. Man sieht noch einmal hinunter ins weite Land. Es ist ein kleiner, ebener Platz, von Ruhehütten umgeben. Hier, heißt es, habe Konfuzius haltgemacht, als er mit seinen Jüngern den Berg erstiegen. Von dieser Höhe aus sei die Welt ihm klein erschienen."

(Richard Wilhelm: Die Seele Chinas, 1926: Vom Heiligen Berg)