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Eisen und Seide

铁与丝 Tiě yǔ sī (Eisen + und + Seide)
Originaltitel: Iron & Silk
1986
Autor: Mark Salzman

„Irgendwann später wandte sich die Großmutter an mich und zeigte auf den Cellokasten. Da erst merkte ich, dass alle Kinder so weit wie möglich von mir abgerückt waren, so dass ich mitten in einem leeren Kreis hockte. ‚Sie möchten wissen, was das ist’, sagte Old Ding. Es ist ein dàtíqín [大提琴], ein Cello, erklärte ich ihm. Er übersetzte es den anderen, worauf ein kurzer Wortwechsel folgte, und dann wandte er sich wieder an mich. ‚Was ist ein Cello?’

Ich ging an den Kasten und öffnete ihn, worauf die Kinder vor Entsetzen aufkreischten und zwei sogar zu weinen begannen. Old Ding [老丁 Lǎo Dīng] schüttelte sich vor Lachen. ‚Mein Bruder hat ihnen gesagt, da drin säße ein Gespenst, das kleine Kinder frisst!’ Fu Manchu [傅满洲 Fù Mǎnzhōu] nickte eifrig.

Ich nahm das Cello aus dem Kasten, und alle im Zimmer Versammelten holten tief Luft, schnalzten mit den Zungen und seufzten bewundernd. Ich setzte mich wieder und begann, die Funktionsweise des Instruments zu erklären, bemerkte dann aber dass niemand auf mich oder das Cello achtete. ‚Es ist herrlich,’ sagten sie immer wieder, und einer nach dem anderen stand auf, um dieses wunderbare Ding zu berühren - das rote Samtfutter, mit dem der Cellokasten ausgeschlagen war.

Cellokasten
(Bild: www.sharmusic.com)

Nachdem sie den Samt gestreichelt hatten, wollten sie das Instrument hören. Ich stimmte es, wartete, bis alle saßen, und stimmte Bachs Erste Suite für Violoncello an. Sobald ich den Bogen über die, Seiten führte, setzte eine lautstarke Unterhaltung ein, die sich vor allem um den Samt drehte. Ich dachte, ich hätte sie vielleicht missverstanden und sie wollten mich gar nicht spielen hören, also brach ich ab. Nach und nach verstummten sie und sahen mich an. – ‚Warum hast du aufgehört?’

Ich war verwirrt, fing aber wieder an. Auf der Stelle begann die Unterhaltung aufs neue, die Kinder lachten und spielten mit dem Kasten, und Fu Manchu schlug dem dritten Bruder eine Kraftprobe im Armringen vor. Als ich den ersten Satz beendet hatte, sahen sie mich wieder an. ‚Ist das alles?’ Ich muss gestehen, dass ich enttäuscht war, dass ihre erste Begegnung mit einem Cello und mit Bach sie so wenig beeindruckte. Aber dann fiel mir ein, was mir ein chinesischer Freund eines Abends bei einer Aufführung von Instrumentalmusik gesagt hatte, als das Publikum während der Darbietung redete, lachte, ausspuckte und umherging. Als ich nämlich feststellte, dass sich die Zuhörer unerhört unhöflich benähmen, entgegnete er, dass dies ganz im Gegenteil ein Zeichen dafür sei, dass sie die Vorstellung genießen würden. Er erklärte mir, dass die Mehrheit der Chinesen, die ja Bauern und Arbeiter sind, Musik als eine Art Hintergrund-Unterhaltung schätzen und als Untermalung für ein rènao [热闹] betrachten, was wörtlich übersetzt ‚Hitze und Lärm’ bedeutet. Rènao ist das chinesische Wort für Vergnügen, vergleichbar in etwa mit einem Vergnügungspark in Amerika, und Lärm und Bewegung gehören ganz wesentlich dazu.

Ich begleitete also ihr rènao, solange ich es ertragen konnte, dann stellte ich das Cello beiseite. Wieder ergriff die Großmutter das Wort. Und diesmal verstand ich sie, ‚Sing uns ein Lied vor.’ In meinem Gehirn herrschte Leere; nachdem ich einige Minuten krampfhaft überlegt hatte, fiel mir als einziges Lied die erste Strophe von ‚Scarborough Fair‘ ein. Gesang hatte offenbar eine andere Wirkung auf die Versammlung, denn jetzt herrschte vollkommene Stille. Als ich geendet hatte, klopfte mir die Großmutter mit einem ihrer winzigen Finger auf die Schulter. ‚Sing das noch einmal.’ Ich sang die Strophe noch einmal worauf sie mich bat, sie noch ein drittes Mal zu singen.“

‚Das Lied gefällt ihr‘, meinte Old Ding und forderte mich auf zu singen, bis das Abendessen fertig sei. Die Kinder ersparten mir das durch ihr Protestgeschrei und ihren Einwand, dass wir jetzt alle genug Musik gehört hätten und es Zeit für eine Gespenstergeschichte sei. ‚Würdest du ihnen diesen Wunsch erfüllen?‘ fragte Old Ding. ‚Sie glauben, dass du spannende Gespenstergeschichten erzählen kannst, weil du selbst wie ein Gespenst aussiehst.‘“
(Mark Salzman: Eisen und Seide. Begegnungen mit China. Droemer Knaur, 1999. ISBN: 978-3-42603084-4. Alle Rechte natürlich beim Verlag, der sich sicher über neue Leser freut)

Das Buch Eisen und Seide ist ein Erfahrungsbericht von Mark Salzman, der nach seinem Sinologie-Studium in Yale für zwei Jahre nach China ans Hunan Medical College (湖南医学院 Húnán Yīxuéyuàn) ging. Salzman war 23 Jahre alt als er 1982 für zwei Jahre nach Chángshā (长沙), der Provinzhauptstadt von Húnán (湖南) kam, um Englisch zu unterrichten. Es waren die Anfangsjahre der Herrschaft Dèng Xiǎopíngs (邓小平) als sich die Öffnung der Volksrepublik China allmählich abzeichnete.

Das Wort „Eisen“ im Titel steht für den Kampfsport Kung Fu (功夫 gōngfu), das Wort „Seide“ für die Kalligrafie, der Schreibkunst auf feiner Seide.

Das Buch wurde 1990 unter dem gleichen Titel in der ostchinesischen Stadt Hángzhōu (杭州) mit Salzman in der Hauptrolle verfilmt. Auch sein Kung-Fu-Lehrer Pān Qīngfú (潘清福) spielte sich selbst.

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