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China geheim

《秘密的中國》 Mìmì de Zhōngguó (heimlich + Genitiv + China)
1933
Autor: Egon Erwin Kisch

Eine Hinrichtung

„Ein Tisch wird herausgebracht, Kinder spielen auf Sandkästen und klettern auf Bäume, sie haben, als unser Wagen nahte, andere Kinder herangewinkt. Umständlich und ungeschickt schiebt ein Amtsphotograph sein Stativ auseinander und stellt es auf. ‚Jetzt muß jeder vor und nach dem Tod photographiert werden’, wird mir erklärt, ‚früher haben die Chinesen einfach einen Stellvertreter zur Hinrichtung geschickt, den Bruder oder den Sohn, oder auch nur einen Kuli, den sie dafür bezahlten, daß er sich umbringen ließ.’

Am Richtertisch hat der chinesische Beamte Platz genommen, Polizisten stehen umher, der Henker ist todsicher darunter. Auf dem Kiesweg zwischen den grünen, angenehm duftenden Rasenbeeten hält ein geschlossener Polizeiwagen, und darin wartet ein Toter auf seinen Tod. Warum fängt man nicht an?

‚Der Missionar ist noch nicht da.’

Der Sergeant, der Schnaps gefrühstückt hat, setzt also seinen Spaß mit mir fort, will mir, weil ich noch keine chinesische Hinrichtung mitgemacht habe, weismachen, es werde ein Missionar kommen.

Und da, bei Gott, rollt wirklich einer ein. Zu gleicher Zeit öffnet ein Mesner dem faßdicken Priester das Kleinauto und ein Polizist dem spindeldürren Toten das Großauto, zu gleicher Zeit steigen der Priester und der Tote aus. Auf daß er sich frei fühle, wenn er das Christentum vernimmt, schnallt man Tsang Kja-ying die Handschellen ab.

Der Pfarrer ist ein Chinese. Er spricht Chinesisch. Ich weiß nicht, wie er es anstellt, einem Neuling so schnell das Alte und das Neue Testament faßlich zu machen, ihn so schnell von Buddha zu Christum zu bekehren. Tsang Kja-ying ist zuerst erstaunt, dann unwillig, dann wütend, will nichts davon hören. Unbeirrt spricht der dicke Lebende auf den mageren Toten ein, bis dieser schließlich achselzuckend sich ein Medaillon mit der Jungfrau Maria umhängen und taufen läßt. Nun soll er ein Kreuz schlagen, aber er schüttelt den Kopf, und so schlägt der Pater über dem Neophyten das große Kreuz. Inzwischen hat der Mesner die Salbenbüchse geöffnet, der Pfarrer nimmt eine Dosis, wiederum macht der Tote eine energisch abwehrende Geste, er will die Letzte Ölung nicht empfangen. Na, gut. Auf Geheiß kniet er nieder und wiederholt hastig (he becomes nervous) ein Gebet, das ihm der Missionar vorspricht. Dann soll er aufstehen. Er steht nicht auf.

Er steht nicht auf, er schlägt den Kopf auf den Boden, als ob er ihn zertrümmern wollte, und brüllt.

‚Er schreit, man solle ihn nicht so lange quälen’, übersetzt mir der Sergeant spontan, ‚er schreit: Erschießt mich doch endlich.’

Gleich, gleich, mein Sohn, fasse dich in christlicher Geduld, alles ist bereit.
Siehe, da sitzen der Exekutionsleiter und seine Beamten unter freiem Himmel und warten schon.

Der Photograph, wenngleich ungeschickt, knipst dich, man führt dich zu dem Platz, wo das Gras besonders heil und besonders dicht wächst, die Kinder drängen sich ganz nah heran, vierjährige, sechsjährige, sie haben sicherlich oft zugeguckt, doch bleibt eine Erschießung für Kinderchen immer interessant, man heißt dich niederknien..."
(Egon Erwin Kisch: China geheim. Eine illustrierte literarische Reportage)

Egon Erwin Kisch (1885 - 1948) war ein deutschsprachiger Journalist aus Prag, der als einer der bedeutendsten Reporter gilt. Nach dem Titel eines seiner Reportagebände ist er auch als „der rasende Reporter“ bekannt.

Kisch selbst betrachtete sich nach zahlreichen Reisen durch verschiedene Kontinente als „Weltbürger“ und sagte 1938:
„Weißt Du, mir kann eigentlich nichts passieren. Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Tscheche. Ich bin ein Jud. Ich bin aus gutem Hause. Ich bin Kommunist. Ich bin Corpsbursch. Etwas davon hilft mir immer.“

China geheim war der letzte große Reportageband, der in Deutschland erscheinen durfte. Das Buch war das Ergebnis seiner China-Reise 1932, in dem er über das durch einen Bürgerkrieg zerrissene und von Japan bedrohte Land berichtete.

„Nur sechs Wochen verbrachte der "rasende Reporter" 1932 im spätkolonialen, frühkapitalistischen China, doch seine Berichte zeugen von Scharfblick und einem Einfühlungsvermögen, das nur wenige China-Besucher in kurzer Zeit entwickeln.“
(Leserrezension FAZ: China Geheim - Bilder aus dem vorkommunistischen China)

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