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Anwesenheitsschlaf

居眠り inemuri (anwesend sein und schlafen)

 
Drei schlafende japanische Salarymen (サラリーマン) in der U-Bahn von Tōkyō
(Foto: Wikimedia-Nutzer Tischbeinahe)

„Der Japaner schläft, im Gegensatz zu mir, nicht nur im Kapselhotel [カプセルホテル kapuseru hoteru], sondern immer und überall. Und weil das nicht wie bei uns die Ausnahme, sondern die Regel ist, gibt es für das ‚Schläfchen zwischendurch’ auch einen eigenen Namen: Inemuri, was übersetzt so viel heißt wie Anwesenheitsschlaf.

Wir Europäer tun uns damit schwer, in der Öffentlichkeit einzunicken, denn wir fürchten den Kontrollverlust. Die Japaner hingegen lieben den Sekunden- und Minutenschlaf. Ob in der S-Bahn, in der Schule, auf der Parkbank, im Parlament, sogar auf Partys und wichtigen Meetings - überall nickt der Japaner ein. Und im Gegensatz zu Deutschland, wo es als grob unhöflich gilt, bei einem Geschäftstermin einzuschlafen, ist das in Japan gang und gäbe - frei nach dem Motto: Dabei sein ist alles!

Hier gilt es als erstrebenswert, den Nachtschlaf zu reduzieren und mit wenig Schlaf auszukommen. Denn Arbeit ist das allerwichtigste in Japan. Viele Japaner schuften nicht nur bis spät in die Nacht, sondern auch am Wochenende und nehmen die wenigen Urlaubstage, die ihnen zustehen, nicht einmal in Anspruch. Kein Wunder, dass es im Land der aufgehenden Sonne auch ein Wort für Tod durch Überarbeitung gibt: Karōshi
[過労死]. Den Japanern ist es einfach ungemein wichtig, ein Teil der Gesellschaft zu sein und ihr möglichst viel Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Dazu gehört es auch, früh aufzustehen. Langschläfer gelten in Japan als unzuverlässig. …

Dabei bewahrt der Japaner im Idealfall selbst im Schlaf die Haltung: Denn wer mit offenem Mund, tropfendem Speichel und weitgespreizten Beinen vor sich hin schnorchelt oder gar den Kopf auf die Schulter des Nachbarn fallen lässt, dem droht Gesichtsverlust. Daher haben kreative Gesellen ‚Accessoires’ erfunden, die genau davor schützen sollen: Ein Helm, bei dem sich das Visier selbständig schließt, sobald der Kopf nach vorne fällt, Gurte, die Beine zusammen halten oder Schilder, auf denen man seine Zielstation notieren kann, damit die Mitreisenden einen im Fall des Falles rechtzeitig wecken können. Ganz ernst zu nehmen sind die Chindōgu
[珍道具], diese humoristischen Erfindungen, natürlich nicht.
 
Beim Schlafen in der Öffentlichkeit geht es übrigens nicht nur darum, sich eine wohlverdiente Pause zu gönnen, sondern es ist auch ein beliebtes Mittel, um sich sozial abzuschotten. Denn wer schläft, kann nichts falsch machen und ist nicht verpflichtet einzugreifen, falls die Ereignisse Zivilcourage verlangen. Deshalb steht Inemuri nicht nur dafür, zu ruhen, sondern vor allem dafür, sich tot zu stellen.“
(Dana Philips: Aber bitte mit Sake! Köln: Bastei Lübbe, 2012. ISBN: 978-3-404-60734-1)
 
anwesenheitschlaf-buch
Brigitte Steger: Keine Zeit zum Schlafen? Kulturhistorische und sozialanthropologische Erkundungen japanischer Schlafgewohnheiten. Lit, 2004. ISBN: 978-3-82586993-9

„In öffentlichen Verkehrsmitteln reagieren Japaner ‚wie Pawlowsche Hunde: Sie setzen sich hin und schlafen ein.‘ Dabei gelten feste Benimmregeln: Schnarchen, unordentliche Kleidung, strubbelige Haare oder Sabbern sind verpönt. Und wer seinen Kopf schlummernd auf die Schulter eines andersgeschlechtlichen Nachbarn sinken lässt (die engen Sitze im Zug von Ōsaka [大阪] nach Kyōto [京都] gelten als ‚romantisch‘ und verleiten dazu), macht sich sexueller Belästigung verdächtig. Außerdem ist es für Frauen – anders als für Männer – höchst unschicklich, mit gespreizten Beinen zu schlafen.
 
Auch das rechtzeitige Erwachen gehört mit zur Kunst des U-Bahn-inemuri. Die meisten beherrschen es perfekt, wachen automatisch auf, wenn ihre Haltestelle kommt; schon weil mancher Arbeitgeber für Verspätung den Urlaub kürzt.“
(Die Globalisierung des Nickerchens – Zeit-Artikel über die Dissertation der Japanologin Brigitte Steger)
 

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