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Wiedervereinigung

통일, 统一 tongil
 
„Künftige Generationen, welche die deutsche Wiedervereinigung studieren wollen, werden wohl kaum darum herumkommen, Koreanisch zu lernen. In keinem anderen Land der Welt hat man nämlich diese so aufmerksam beobachtet, studiert und auseinandergepflückt wie in Korea. …

Der Fall der Mauer löste in Südkorea eine Euphorie aus, wie sie sonst außerhalb Europas nirgends zu spüren war. Auf einmal erschien auch die koreanische Wiedervereinigung greifbar.

Heute ist diese Euphorie vollkommen verflogen. Nordkorea brach weder zusammen noch reformierte es sich. Im Gegenteil, der 1994 an die Macht gekommene Kim Jong-il
[김정일] führte die ‚Militär-zuerst-Politik’ [선군정치, 先軍政治 Seon-gun jeongchi] ein und vertiefte die ideologischen und militärischen Gräben. In den darauffolgenden zwei Jahrzehnten wurde Südkorea erst zu einer Industrienation, dann zu einer führenden Industrienation und zu guter Letzt zum modernsten Flächenstaat der Welt, dessen Infrastruktur die etablierten Industrienationen alt aussehen lässt. Im Norden brach die Wirtschaft vollständig zusammen, bis zu zwei Millionen Menschen verhungerten in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Südkorea verfügt heute über eine der modernsten und schlagkräftigsten konventionellen Streitkräfte der Welt, Nordkorea hat die Atombombe.

Beide Länder driften immer mehr auseinander. In den siebziger Jahren waren die Lebensverhältnisse noch halbwegs vergleichbar. Heute sind die Unterschiede größer als zwischen Liechtenstein und Moldawien, Europas reichstem und ärmstem Land.

Während dieser ganzen Zeit äußerst dynamischer Entwicklung in Korea beobachtete man in Seoul in Echtzeit den deutschen Einigungsprozess. Das analytische Ergebnis war immer das Gleiche: So eine Wiedervereinigung wie bei den Deutschen können wir uns nicht leisten, denn das würde uns völlig ruinieren. Auch andere, von den Deutschen nicht gewählten Alternativen wurden durchgespielt, doch auch hier lautete das Ergebnis immer gleich: Wird nicht funktionieren. …

Die innerkoreanische Grenze sollte auch nach einem Regimewechsel noch für Jahre bestehen, damit die Nordkoreaner im Norden bleiben und nicht in den Süden. auswandern.

Besonders die deutsche Binnenmigration von Ost nach West hat die politische Elite in Seoul erschreckt. Wenn schon die Ostdeutschen scharenweise ihre Heimat verließen, und das obwohl sie einen höheren Lebensstandard hatten als manch andere EU-Bürger, was würde dann in Nordkorea passieren, wo Menschen verhungern oder das Risiko auf sich nehmen, über die Grenze nach China zu flüchten? Die Vorstellung von einer apokalyptischen Flutwelle von Abermillionen nordkoreanischer Flüchtlinge, die auf einen Schlag nach einer Grenzöffnung nach Süden strömen, hält die südkoreanische Regierung in Bann. Egal, welche Partei gerade an der Macht ist.

Die Frontstadt Westberlin bot einem Betrachter Einblick in die seltsame Psyche der Menschen. Das Phänomen, eine drohende Gefahr und Unannehmlichkeit durch kollektives Ignorieren aus der Lebensrealität zu verbannen, konnte hier par excellence studiert werden. Für den Westberliner existierte der Osten nicht. Ostberlin und die DDR spielten im Alltag so gut wie keine Rolle und bildeten fast nie ein Gesprächsthema, es sei denn Besuch von außerhalb war zugegen. Nur wenn man mit der U-Bahn von Wedding nach Kreuzberg fuhr, verstummten selbst die lautesten Teenager während des Transits und eine bleierne Stille legte sich über die Wagons, wenn diese die verlassenen und abgedunkelten Ostberliner Stationen passierten.

Die Südkoreaner gehen mit dem Norden ähnlich um wie die Westberliner mit dem Osten. Seoul mag zwar im Schussbereich der nordkoreanischen Artillerie liegen, aber groß kümmern tut dies niemanden.“

(Martin Guan Djien Chan: Korea. Gegenwart und Zukunft eines geteilten Landes. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2012. ISBN: 978-3-534-25540-5)
 
 
„Als Deutsche interessierte ich mich besonders für die Teilung und die mögliche Wiedervereinigung Koreas. Tatsächlich hat die von Nordkorea ausgehende Bedrohung aber auf mein Leben in Seoul weniger Einfluss als ich anfangs gedacht hatte. Im Gespräch mit koreanischen Freunden wurde Nordkorea selten erwähnt. Das Thema wurde meist taktvoll umgangen. Viele junge Koreaner interessieren sich wenig für das kommunistische Nachbarland. Wäre das Elend im Norden ständig präsent, wäre vermutlich der frenetische Konsumrausch im Süden nicht mehr möglich.
 
Zwischen Nord- und Südkorea ist die Kluft wesentlich größer als sie jemals zwischen Ost- und Westdeutschland war. Wenn das Gespräch tatsächlich einmal auf Nordkorea kam, sprachen die meisten Koreaner mit derartiger Verachtung über den Norden, dass eine Wiedervereinigung schon allein wegen dieser Einstellung in weite Ferne gerückt schien.“
(Vera Hohleiter: Schlaflos in Seoul. Korea für ein Jahr. 2009. ISBN 978-3-423-21153-6)
 
Wiedervereinigung bedeutete zwei ganz unterschiedliche Dinge: Für Kim Il-Sung (김일성, 金日成) die Vereinigung unter seiner eigenen Revolutionsideologie, für die südkkoreanische Regierung in Seoul (서울) die Befreiung von der kommunistischen Gefahr im Norden und die Hoffnung auf verminderte Verteidigungskosten.

Fast immer wurden die Verhandlungen von den Nordkoranern unter irgendeinem Vorwand abgebrochen. Dennoch gehört das Vorbeten von Wiedervereinigungsparolen im Süden wie im Norden zum politischen Alltag, so unversöhnlich sich auch die Regierungen gegenüberstehen.

 

das geteilte Korea
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