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Wandrers Nachtlied

旅人の夜の歌  Tabibito no yo no uta (reisen + Mensch + Genitiv + Nacht + Genitiv + Lied)

Am Abend des 6. Septembers 1780 schrieb Goethe mit Bleistift an die Holzwand einer Jagdhütte das wohl berühmteste deutsche Gedicht, das sich in Gedichtbänden meist unter dem Titel Ein Gleiches findet, weil es mit einem anderen Gedicht gleichen Titels abgedruckt wird:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh'.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
   
1911 übertrug angeblich ein französischer Verehrer japanischer Lyrik die Verse als japanische Dichtung ins Französische. Woraus sie schließlich ein deutscher Bewunderer fernöstlicher Lyrik zurück ins Deutsche brachte. Das Ergebnis soll fogendermaßen ausgesehen haben:

Stille ist im Pavillon aus Jade.
Krähen fliegen stumm
Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
Ich sitze
Und weine.

Diese moderne Sage ist völliger Quatsch, denn in der japanischen Übersetzung kommt weder Jade, noch ein Kirschbaum oder Mondlicht vor:

見はるかす Miharukasu Die Augen schweifen in die Ferne.
山々の頂 Yamayama no itadaki Die Berggipfel
梢には Kozue ni wa Die Äste
風も Kaze mo Auch der Wind
動かず Ugo kazu Bewegt sich nicht
鳥も鳴かず Tori mo nakazu Auch die Vögel singen nicht.
まてしばしやがて Mate shibashi, yagate Warte eine Weile, und bald
汝も休まん 。 Nanji mo yasuman Wirst du auch ruhen.

(http://www.solon-line.de/Artikel/Kultur/AfterDeutsch-1----Sprachenvielfalt-oder-amerikanisierte-Einfaltssprache.html)