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Löss

黃土 huángtǔ (gelb + Erde)
 
 
Löss
(Foto: Wikimedia)
 
Eine aufregende Wagenfahrt

„Bisher hatten sich uns in der Landschaft meist nur sanfte Formen dargeboten. Der alles ‚gleichmachende’ Löß hatte' die markanteren Züge der Höhenrücken, fast alle Kämme, Steilwände, Zacken und Höcker, Hügel und Kuppen, ja sogar ganze Täler mit seiner gelben Flut angefüllt und überdeckt. Die neuerstandene Landschaft hatte dadurch alle Reize verloren und bot dem Auge nirgends einen erfrischenden Ruhepunkt; eintönig und ermüdend erstreckte sich weithin das gleichsam gelbbraun oder braungrau gefärbte Gelände. Auch üppiger Baumwuchs oder in Fruchtbarkeit strotzende Felder, die auf der ersten Strecke unserer Wagenfahrt der anmutlosen Lößlandschaft einiges Leben verliehen hatten, fehlten hier fast ganz.

Von Pingliang an ändert sich das Bild. Die Geländeformen werden etwas eindrucksvoller; je weiter wir dann nach West-Nord-West in einem engen Seitentälchen des Jinghe ansteigen, um so mehr gewinnt der Gebirgscharakter wieder die Oberhand. Trotz der stärker werdenden Höhenunterschiede behauptet sich der Löß in der Oberflächenform. Dafür nehmen die Lößschluchten so gewaltige Formen an, daß man manchmal an die Colorados Nordamerikas erinnert wird. …

Da der Löß zu senkrechten Abstürzen neigt, und da der unterirdische Wasserlauf fast stets ein geringeres Gefälle hat als die Oberfläche des Lößpolsters, in die sich die Wasser eingefressen haben, so ist mithin die Höhe der Lößwände in den flußaufwärts liegenden Teilen der Lößzone eine viel größere als unterhalb derselben. Ein gleiches gilt für das System der Nebenflüßchen. In der Nähe der höchstgelegenen Teile der Lößrücken, denen wir uns jetzt näherten, zeigten sich also die tiefsten Lößabstürze. Dort trafen wir denn auch mehrere hundert Meter hohe gelbe Lößwände an, die unvermittelt aus dem Boden des Flußbettes hochragen. Über deren Stirnwände baut sich die Oberfläche, terrassenförmig ansteigend, hoch und höher und tritt immer weiter von der Schlucht zurück. Jede dieser Schluchten nimmt einige Seitenschluchten auf, die meist in spitzen Winkeln zueinander einmünden, und jede dieser Seitenschluchten treibt wiederum unheimlich tiefe Risse, Klüfte und Spalten in großer Zahl und vielfältiger Verästelung in die mächtige Lößdecke vor. Auf diese Weise entsteht ein wahres Labyrinth von Schluchten. Dieses Lößchaos hat an einigen breiten Lößmulden einen derartigen Umfang angenommen, daß man sich in die Unterwelt versetzt glaubt. Die Szenerie entspricht an solchen Stellen etwa Dantes ‚Inferno’. So überwältigend und schauerlich zugleich hat wenigstens auf mich der Gesamteindruck dieser in den Lößschluchten von den Naturgewalten geschaffenen Labyrinthe, grottenartigen Höhlen, Kessel und- Krater, Gassen und Schächte gewirkt.
 

Lösstal in der Provinz Gānsù (甘肅)
(Foto: Wikimedia)

Unser Fahrweg führte uns mitten durch eine solche Zerstörungszone. In schwindelnder Höhe mußten wir über Spalten und Klüfte, an Lößtürmen und -spitzen vorbeiziehen, während an einer Seite Abgründe von mehreren hundert Metern senkrecht in todbringende Tiefen führten. An einigen Stellen war sogar der Fahrweg unterwaschen; vor unseren Blicken öffneten sich plötzlich grausige Schlünde. Oder an anderen Stellen zeigte der Weg zahllose Spalten und Löcher, die wir, ehe wir den Übergang wagen durften, mit Balken, Brettern, Reisig und Löß sorgsam verstopfen mußten. Ein Gaul, der in solche Spalten einbricht, ist nur mit größter Mühe wieder hochzubringen. Aber unser chinesischer Fuhrmann schien solche Überraschungen zu kennen; für ihn hatten sie ihre Schrecken scheinbar verloren. ‚Der Weg’, so sagte er, ‚hat Tausende von Jahren getragen, warum sollte er gerade unter unserer Last zusammenbrechen!’ Mit Hilfe von einigen Kulis, Holz, Reisig und Löß ließen sich die Wege verhältnismäßig rasch in Ordnung bringen, so daß wir ohne allzu großen Zeitverlust weiterfahren konnten. Ringsum ragten hohe, nadelartige Lößgebilde gleich Obelisken zur Höhe; die starre Gliederung dieser gelben Erde schafft die merkwürdigsten und vielgestaltigsten Verwitterungserscheinungen. Von den Höhen der Lößspitzen oder LößpoIster schauten zuweilen kleine Tempelchen zu Tal, und auf den höchsten Kanten der steilabstürzenden Lößrücken thronten festungsartige Bauten, die den Einwohnern der nächsten Umgebung in Zeiten der Gefahr als Zufluchtsstätten dienen und nur dem Eingeweihten zugänglich sind.

Unsere Weiterfahrt gestaltete sich recht unerfreulich. Der Weg führte auf einen Grat hinaus, der nur um weniges breiter war als die Spurweite unseres Reisewagens. Zu beiden Seiten stürzten die Lößwände fast senkrecht zur Tiefe. Zu allem Unglück war die Dämmerung bereits hereingebrochen; schon der Fehltritt eines Zugpferdes oder ein leichtes Rutschen des Wagens genügte vollauf, unser Schicksal zu besiegeln. Und für eine längere Wegstrecke boten sich kaum günstigere Voraussetzungen für unsere Fahrt! Fast war sie ein vermessenes Wagnis! Wir fuhren gleichsam auf der Bekrönung einer schmalen, sehr hochragenden Mauer! Doch mit Hilfe der unerschütterlichen Geduld und der erstaunlichen Sicherheit unseres Lenkers gelang es uns, auch diese Kraft- und Nervenprobe zu bestehen!

Wir fuhren nunmehr in einem kleinen Tälchen weiter, das sich zusehends verengte. In immer stärkeren Windungen und Krümmungen setzte sich der Weg talaufwärts spiralförmig fort und verjüngte sich auf wenige Meter mit der Talsohle. Das Tal wurde allmählich schluchtartig: Talsohle und Weg waren von steilen, hochragenden Kalksteinwänden eingefaßt. Nur noch wenig Licht fiel in unseren Engpaß, in dem bald auch der von Norden, von Níngxià [寧夏] heranführende, vielbenutzte, sehr wichtige Verkehrsstrang einmündete. ...

Endlich weitete sich das Tal. Wir standen urplötzlich an den Ufern des mächtigen Huánghé [黄河], den wir hier zum erstenmal berührten. Das Rauschen seiner gelblichen Fluten klang uns wie liebliche Musik in die Ohren; denn Mensch und Tier empfanden nach der anstrengenden und aufreibenden Wagenfahrt durch die Staubzone des Lößgebiets die erfrischende Nähe des Flusses als wohltätige Erquickung. Mit wahrer, ungeheuchelter Freude entstieg meine Gefährtin dem gräßlichen Marterkasten, in dem sie nun seit vielen Tagen wie in einem Gefängnis eingeschlossen gewesen war; sie war durchgerüttelt und umeinandergeschüttelt, so daß sie alle Knochen fühlte. Fast darf es eine Strafe genannt werden, eine weite Strecke in solchem Wagen auf chinesischer Erde zurücklegen zu müssen!“
(Wilhelm Filchner: Tschung-Kue, Das Reich der Mitte. Alt-China vor dem Zusammenbruch. Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1924)


„...der weit überwiegende Teil der Felder war nicht gedüngt, und die Bewohner versicherten mir, dass dies nicht erforderlich sei, und die wesentlichste Bedingung einer reichen Ernte in dem Fall einer hinreichenden Regenmenge liege. Der Grund für die Erscheinung, dass ein mehrere Jahrtausende umfassender Anbau den Boden nicht erschöpft hat, muß also in diesem selbst liegen: der Löß muß eine gewisse Fähigkeit der Selbstdüngung besitzen, welche dem fetten Boden des südlichen China und auch den Alluvien der nördlichen Provinzen nicht eigen ist ...“

(Ferdinand von Richthofen)

Die gelben Fluten des Gelben Flusses (黄河 Huánghé)
(Foto: Wikimedia)