Laotse

老子 Lǎozǐ (alt + Meister)

„‚Hundert Jahre bevor Sokrates in Athen spazierenging, um plaudernd seine Gedanken an den Mann zu bringen, und in demselben Jahrhundert, als Gautama Buddha in Indien Anhänger für seine mystische Erleuchtungslehre warb, gebar unser chinesisches Volk, dem Sagenhören nach, seinen größten Spötterphilosophen Laozi, den wir für größer schätzen als Voltaire’, erzählt mir Mr. Zhao [趙], ein junger gut aussehender Chinese, den ich auf einer Autobusfahrt zwischen Shanghai und Nánjīng [南京 ] kennenlernte. ...

Er saß und langweilte sich in seiner Amtsstube in Luòyáng
[洛陽] ...  Der Hofklüngel widerte Laozi an. Er beschloß, dem Staatsdienst Auf Wiedersehen zu sagen. Seine rege Phantasie zauberte ihm ein kleines Ländchen mit nicht allzu vielen Einwohnern vor, ein Ländchen, wo die vollkommenste Zufriedenheit und sittliche Lauterkeit in seinem Sinne herrschen sollte, und wo die Landesherren kaum spürbar über das Volk gebieten sollten wie die Natur mit ihren Gesetzen über das Leben. So träumte Laozi. Er kündigte seine sichere Stellung und ging fort, ohne Hab und Gut, arm wie er war. ...
 
Laozi hatte eine unliterarische Gesundheit. Er war nicht gerade robust, aber von jener gelockerten Zähigkeit, die gewisse Raubtiere an sich haben. So erzählt man es sich wenigstens. Laozis einziger und tiefer Ehrgeiz bestand darin, keinen Ehrgeiz zu haben, Denn Ehrgeiz, hat er sich wohl überlegt, ist der Keim für alles Verwerfliche, für alle Unzufriedenheiten und sittliche Entgleisungen, für Zügellosigkeiten...

‚Da kam ihm eines Tages die Erleuchtung, die Erleuchtung‘, wiederholt er wie ein Redner ‚daß das menschliche Leben wie ein schmaler Pfad sei, der nach oben führt, ein vom Wesen der Natur bestimmter Entwicklungspfad, links und rechts wallende Nebel, Abgründe, tiefstes Schweigen ... Dieser ‚Pfad’ heißt auf chinesisch ‚
Dào[道] und deshalb heißt auch die philosophische Lebenslehre ‚Dàodéjīng[道德經, Klassiker vom Weg und der Tugend], eine der großen Lebenslehren unseres Volkes. Nur der Dào führt die Menschen zum wahren Frieden. ‚Dao ist ewig ohne Tun und doch ohne Nichtstun’, heißt es in seiner Lehre.
 
‚Laozis äußeres Leben’, beginnt er nach einem Hüsteln, ‚soll das eines unordentlichen, ewig lächelnden Taugenichts’ gewesen sein: zerfetzte Schuhe, schlaksiger Gang, lässige Haltung, behaglich ungeniert, schmatzend, schnalzend. Keiner konnte so unnachahmlich Tee schlurfen wie Laozi und keiner so genießerisch den Wein langsam schmeckend trinken. Seine Kleider waren bequem, aber von einer unbeschreiblichen Unsauberkeit. Überall soll Laozi schlafen gekonnt haben, auf dem Felde, im Walde, auf Felsen, in verräucherten Bauernstuben, auf feuchten Kellersteinen, auf dem Fußboden der Tempelhallen, auch in Prunkbetten hoher Fürstlichkeiten, überall ... und überall sehr gut. Sein lautes Schnarchen soll man weithin gehört haben.“
(Ernst Cordes: Kleines Volk – Großes Volk. Japan – China. 1939)
laozi
 
 
Altchinesische Steinabreibung, auf der ein legendäres Treffen zwischen Konfuzius (孔子) und Laozi (老子) dargestellt ist.
 

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