Japonismus

ジャポニスム jiyaponisumu (Japonismus)
 

„‚Das ist keine Mode mehr, das ist Leidenschaft, das ist Verrücktheit‘, schrieb der Kunstkritiker Ernest Chesneau 1878. Ganz Paris war im Japan-Fieber. Seit sich das fernöstliche Inselreich nach jahrhundertelanger Abschottung dem Westen geöffnet hatte, überschwemmten japanische Alltags- und Kunstgegenstände Europa. Schiffsladungen von Keramik, Kimonos und Kunst kamen in Paris an. Und wer in der bürgerlichen Gesellschaft mithalten wollte, musste den besten Stücken nachjagen.

Der Japan-Hype erfasste auch die Kunst. Maler wie Monet, Renoir oder van Gogh waren fasziniert von den Farbholzschnitten eines Hokusai [北斎] oder Hiroshige [広重], die flächig wirkten, unnatürliche Farben hatten und fremdartige diagonale Bildaufteilungen. Das Motiv der großen Wellen Hokusais oder seine Serien vom Berg Fuji sind heute weltweit bekannte Motive, auch wenn man den Namen Hokusai noch nie gehört hat. …

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神奈川沖浪裏
Die große Welle vor Kanagawa
(Quelle: Wikimedia)

Während die Künstler zunächst die japanischen Motive wie Fächer, Geishas, Blumen einfach kopierten, verinnerlichten sie mit der Zeit immer stärker die Kompositions- und Stilprinzipien der asiatischen Farbholzschneider. Van Gogh etwa malte 1887 das farbprächtige Bild einer japanischen Kurtisane. Ein Jahr später entstand das berühmte Bild des ‚Sämanns bei Sonnenuntergang‘, das mit der kugelrunden Sonne und dem kahlen Baumstamm im Vordergrund die japanischen Stilmittel deutlich übernimmt.

 

Überhaupt war van Gogh in die Provence gezogen, weil er dort das Licht Japans zu finden meinte. ‚Ich brauche keine Japan-Drucke, denn ich sage mir immer, dass ich hier in Japan bin‘, schrieb er. Das wahre Licht Japans hatte van Gogh allerdings nie gesehen. Denn wie die meisten seiner Künstlerkollegen, war er zwar vom Japan-Fieber befallen und sammelte Holzschnitte, kam aber nicht auf die Idee, dorthin zu reisen."

(Der Stern vom 25. September 2014: Wie das Japan-Fieber die Kunst erfasste)

 

„Wenn man sich mit der japanischen Kunst befasst, dann sieht man, wie ein unbestreitbar weiser und philosophischer und kluger Mann seine Zeit womit verbringt? Die Entfernung des Mondes von der Erde zu studieren? Nein. Die Politik Bismarcks zu studieren? Nein. Er studiert einen einzigen Grashalm.“
(Vincent van Gogh in einem Brief an seinen Bruder Theo, 24.September 1888)

 

japonismus
Versuche Vincent van Goghs, japanische Kunst zu imitieren: Abendschauer über der großen Brücke in Atake  大はしあたけの夕立 und Pflaumengarten in Kameido 亀戸梅屋舗. Die Schriftzeichen hat van Gogh selbst dazupinselt. Entsprechend krakelig sind sie ausgefallen.
(Bilder: Wikimedia)
 
Japonismus ist der Einfluss der japanischen Kunst auf westliche Künstler. Zu den westlichen Künstlern, die von der japanischen Kunst beeinflusst wurden, gehörten zum Beispiel Vincent van Gogh, Claude Monet und Gustav Klimt.
 
Édouard Manet: Émile Zola Gustav Klimt: Der Kuss
Manets Begeisterung für japanische Kunst zeigt sich besonders in diesem Porträt des Schriftstellers Émile Zola, den er mit aufgeschlagenem Buch in seinem Arbeitszimmer zeigt. Im Hintergrund ist Farbdruck von Kitagawa Utamaro, links eine japanische Stellwand zu sehen.
(Bild: Wikimedia)
Klimt reizte vor allem das Ornamentale, wofür die unzähligen Darstellungen von weiblichen Figuren mit ihren Varianten von Kimonomustern Anschauungsmaterial boten. Außerdem übernahm er den prunkvollen Goldgrund japanischer  Wandschirme.
(Bild: Wikimedia)

mikado

Arthur Sullivans Operette „Der Mikado Groucho Marx als Scharfrichter Koko in einer Fernsehaufführung des „Mikado
Die Operette „Der Mikado“ spielt um 1450 in Titipu in Japan, wo der Kaiser, der Mikado, das Flirten bei Todesstrafe verboten hat.
(Bild: Wikimedia)
Das Flirtverbot in Titipu forderte so viele Opfer, dass die Stadtregierung beschloss, einfach den nächsten, der hingerichtet werden sollte, zum Scharfrichter zu machen.
(Bild: Wikimedia)
 
So wie westliche Techniken der Malerei, des Drucks und der Fotografie nach Japan gelangten, nahmen japanische Farbholzschnitte den umgekehrten Weg nach Europa, zuerst als Verpackungsmaterial für Tee und andere Güter. In Europa entstand eine regelrechte Sammelwut japanischer Kunst und in den 1870er bis 1880er Jahren unternahmen französische Sammler und Kunstkritiker Reisen nach Japan.

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