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Heilige Berge

聖山 Shèngshān (heilig + Berg)

Aufstieg zum Taishan
(Foto: Wikimedia)

 

„Der halbe Aufstieg ist geschafft, die Pilgergruppe kann jetzt Atem schöpfen. Aber mit der sorglosen Stille ist es vorbei. Plötzlich wuselt es im Gelände von Ausflüglern, die alle dieselben roten, gelben und weißen Schildmützen tragen. Ein typisch chinesischer Kappenausflug!

Eine aus Österreich importierte Seilbahn, deren Zweiergondeln wie Lampions über dem Tal schweben, schaufelt Massen von Kappenausfluglern auf den Berg. …

Auf dem Vorgipfel versperren sich die Seilbahntouristen gegenseitig den Panoramablick. Die meisten sehen nur das Nächstliegende: einen Souvenirstand mit greller Dekoration, mit roter Coca-Cola-Werbung, goldglänzenden Dosen Red Bull und giftgrünen Plastikflaschen mit echtem (oder gefälschtem) Quellwasser. … Ihr Motto am Berg: An einem Tag rauf, am selben Tag runter. Runter rückwärts, denn ein Muskelkater der übelsten Sorte in Oberschenkeln und Waden verhindert einen normalen Gang. Diese atemlosen Helden schwatzen und quasseln ohne Unterlass...

Ähnlich bedächtig und im Einklang mit der Natur mutet am Berg der Aufstieg der hageren Männer an, die ihr Auskommen als Lastenträger verdienen. Einer singt, ein anderer lacht, ein dritter pfeift durch die Finger, um sich auf dem bevölkerten Stufenweg Platz zu schaffen. Bei ihrer Last hätte ein Stocken fatale Folgen. Der lärmende, selbstgefällige Kappenausflug macht zögernd Platz, nicht ohne zu witzeln. …

Ihre Bedächtigkeit ruft die Warnung des ‚Meisters, der die Schlichtheit umarmte’ Bàopǔzǐ [抱朴子; 葛洪 Gě Hóng; 283–343] wach. In einer 1700 Jahre alten Schrift warnt Bàopǔzǐvor möglichem Unglück, wenn man ohne die richtige Methode auf einen Berg steigt. Zuerst solle der Wanderer, so Bàopǔzǐ, einen Glück verheißenden Tag wählen, dann sich gründlich waschen und sieben Tage vor Aufbruch fasten. Bevor er losgehe, solle er sich einen Spiegel auf den Rücken binden. Dieser Rückenspiegel schütze ihn, denn wenn er unterwegs einem netten und schönen Wesen begegne, offenbare das Spiegelbild, ob es sich um einen lüsternen Fuchsgeist oder verwunschenen Wildtierdämon handele, der das Menschenauge zu täuschen vermag. ...

Tatsächlich kommt es vor, dass die Lastenträger auch Spiegel und Bettgestelle, ja ganze Schreibtische für neue Unterkünfte bedächtig bergauf tragen. Am häufigsten wuchten sie aber sperrige Kartons voller Nudelsuppen in Styropor die Treppenstufen empor. Sie arbeiten hart für einen geringen Lohn. Ein Blick auf ihre abgewetzten olivgrünen Turnschuhe genügt.“
(Uli Franz, Karl Johaentges: Chinas Heilige Berge. Frederking & Thaler)

 (Karte: Wikimedia)

Die chinesische Kultur blickt auf eine jahrtausendealte Tradition zurück, Heilige Berge zu beschreiben. Der chinesische Ausdruck für Pilgerreise (朝聖  cháoshèng) ist eine Abkürzung des Ausdrucks 朝拜圣山  cháobài shèngshān („einem heiligen Berg seine Reverenz erweisen“).

Anfangs respektierten die Chinesen die Bergwelt als Sphäre der Götter und hielten sich von den Bergen fern. Vor 2.700 Jahren aber, als Krieg und Hunger überhandnahm, kehrten Geächtete und Aussteiger  der Gesellschaft den Rücken und wagten sich auf den Spuren von Tieren in die Bergwelt hinauf. 

道 dào मेरु Meru, 須彌山 Xūmíshān
Die Verwegensten ließen sich in der Höhe als Einsiedler nieder und nannten den Weg, den sie beschritten, dào. Dafür nannten die Leute sie später Daoisten. Viele von ihnen kehrten  wieder ins Tal zurück. So mancher prahlte vor Gutgläubigen, auf den Gipfeln stünden an die Wolken gelehnte Himmelsleitern, über die man ins Paradies einsteigen könne.

Die Buddhisten, die aus Indien nach China kamen, befanden sich bereits seit Generationen auf der Suche nach dem kosmologischen Zentrum auf den Weltenberg Meru [मेरु, 須彌山 Xūmíshān). Sie ließen sich bevorzugt in der Höhe nieder. So erlebte das Altertum einen Boom mit über 300 heiligen Bergen.
(Bild: Wikimedia)

 

Die  ‚Fünf Gipfel‘ (五嶽 Wǔyuè) des alten China

泰山
Tàishān
Stiller Berg
Shāndōng
1.545 m
東嶽 Dōngyuè (Großer Östlicher Gipfel)

Der Tàishān ist der berühmteste von den fünf heiligen Bergen des Daoismus. Im alten chinesischen Weltbild, das die Welt als Quadrat betrachtete, verkörpert er den östlichen Eckberg und über 2.000 Jahre lang besuchten chinesische Kaiser den Berg, um Himmel und Erde zu opfern.
(Foto: Wikimedia)

華山
Huáshān
Glänzender Berg
Shănxī
1.997 m
西嶽 Xīyuè (Großer Westlicher Gipfel)

Die frühen Daoisten wählten den Huàshān als Rückzugsgebiet, weil der wasserreiche und dicht bewaldete Talkessel zwischen den Gipfeln nur von schwindelfreien Bergsteigern erreicht werden konnte und so leicht zu verteidigen war.
Die gemeißelten Stufen schwingen sich so steil empor, dass sie ohne Ketten nicht begehbar wären. Inschriften wie ‚Kehr um!’ oder ‚Stelle, an der das Ohr den Felsen streift’ belegen den Humor der Einsiedler.
(Foto: Wikimedia)

衡山
Héngshān
Blancierender Berg
Húnán
1.290 m
南嶽 Nányuè (Großer Südlicher Gipfel)

Wer den Héngshān besucht, glaubt einen Garten zu betreten. Monsunregen sorgen für Reisterrassen, Bambusdickichte und Wälder. Die Gebirgskette dehnt sich über 400 Quadratkilometer aus, und das Massiv zählt 72 Erhebungen.
(Foto: Wikimedia)

恆山
Héngshān
Dauernder Berg
Shānxī
2.017 m
北嶽 Běiyuè (Großer Nördlicher Gipfel)

Im Héngshān gibt es mehrere Sehenswürdigkeiten. Am berühmtesten ist das Hängende Kloster, das in der Nähe vom Pass des Goldenen Drachen an eine steile Felswand 30 Meter über den Talboden gebaut wurde.
(Foto: Wikimedia)

嵩山
Sōngshān
Erhabener Berg
Hénán
1.494 m
中嶽 Zhōngyuè (Großer Mittlerer Gipfel)

Auf dem Sōngshān und in seiner Umgebung gibt es viele daoistische und vor allem buddhistische Klöster. Darunter unter anderem das buddhistische Shaolin-Kloster, das für seine Kampfkunst berühmt ist.
(Foto: Wikimedia)

 

Die  ‚Vier Gipfel‘ des Daoismus

武當山
Wǔdāngshān
Hubei
1.612 m

Die Wǔdāng-Berge, auch bekannt unter dem Namen Berg der Mysterien (玄岳 Xuányuè) bestehen aus 72 Gipfeln, der höchste mit 1612 m ist der Tiānzhù (天柱 Himmelspfeiler) und sind ein heiliger Ort der Daoisten.
(Foto: Wikimedia)

龍虎山
Lónghŭshān
Drachen-Tiger-Berg
Jiangxi
247 m

Im Lónghŭ-Gebirge entstand die daoistische Fünf-Scheffel Reis-Sekte (五斗米道 Wǔdǒumǐ dào), eine religiös motivierte Revolte am Ende der Han-Dynastie (206 v.d.Z - 220 n.d.Z.). Der Name bezieht sich auf die Fünf-Scheffel-Abgabe. Der Aufstand wurde zum Vorbild für die Aufstände, die später angestiftet wurden.
(Foto: Wikimedia)

齊雲山
Qíyūnshān
Hoch-wie-die-Wolken-Berg
Anhui
585 m

Qíyūnshān
(Foto: Wikimedia)

青城山
Qīngchéngshān
Berg der grünen Stadt
Sichuan
1260 m

Der Qīngchéng-Berg ist eine bedeutende Stätte des religiösen Daoismus und einer seiner Entstehungsorte.
(Foto: Wikimedia)

 

Die ‚Vier großen, berühmten Berge des Buddhismus‘ (四大佛教名山 Sìdà Fójiào Míngshān)

五台山
Wǔtáishān
Fünf-Terrassen-Berg
Provinz Shānxī
3.058 m

Der Wǔtáishān gilt als das wichtigste der vier heiligen Gebirge des chinesischen Buddhismus.
(Foto: Wikimedia)

峨嵋山
Éméishān
Hoher und erhabener Berg
Provinz Sìchuān
3.099 m

Der Éméishān ist mit Tempeln übersät und ein beliebtes Pilgerziel.
(Foto: Wikimedia)

九華山
Jiǔhuáshān
Neun-Ruhm-Berg
Provinz Ānhuī
1.341 m

Das Jiuhua-Gebirge ist berühmt für seine schöne Landschaft und vielen Tempel. Viele Schreine und Tempel sind Ksitigarbha gewidmet, der in China unter dem Namen Dìzàng (地藏) bekannt ist.
(Foto: Wikimedia)

普陀山
Pǔtuóshān
Potalaka-Berg
Provinz Zhèjiāng
284 m

Der Pǔtuóshān ist eine Insel vor der Küste. Sie gehört zu der Inselgruppe Zhoushan. Sein Name bedeutet so viel wie „Berg Potala“, der in der Überlieferung als Sitz des Bodhisattvas Avalokiteshvara gilt, also von Guanyin.
(Foto: Wikimedia)

 

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