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Vergangenheitsbewältigung

28. März 2014

Japanisch
過去の克服 kako no kokufuku (Vorbeigegangenes + überwinden)

Chinesisch
反思历史 fǎnsī lìshǐ (reflektieren + Geschichte)
克服过去 kèfú guòqu (bezwingen + vergangen)

Der Politologe Thomas Berger erforscht Vergangenheitsbewältigung in Japan, Deutschland und China. Sein Buch „War, Guilt and Politics After World War II“ gilt als Standardwerk zu diesem Thema. Anlässlich des Besuchs des chinesischen Präsidenten Xí Jìnpíng (习近平) in Berlin erklärt er in einem Handelsblatt-Interview, warum China die Deutschen in den Konflikt mit Japan hineinziehen will.

Herr Berger, China fordert von Japan, sich bei der Vergangenheitsbewältigung an Deutschland zu orientieren. Ist Deutschland ein angemessenes Vorbild?

„Die Japaner hassen es, mit den Deutschen verglichen zu werden. Es unterstellt, dass sie den internationalen Goldstandard für die Annahme von Schuld nicht erreichen. Tatsächlich finden sich viele Unterschiede. Nanjing und Einheit 731 (zwei Schauplätze von Gräueltaten der japanischen Armee, d. Red.) waren nicht Auschwitz, so schrecklich sie auch waren. Die Politik in China und Korea nutzt zudem antijapanische Gefühle für politische Zwecke.“ ...

Zeigt der Wunsch Xis, das Thema in Berlin anzusprechen, einen Trend, die Auseinandersetzung ins Ausland zu tragen?

„In der Tat, das tut er. Die Chinesen und Koreaner versuchen, Japan international an den Pranger zu stellen und es unzuverlässig erscheinen zu lassen. Zum Teil sind sie dabei erfolgreich. Das liegt einerseits daran, dass die japanische Gegenstrategie so untauglich ist. Andererseits verfolgt die Regierung Abe wirklich einen revisionistischen Kurs."
(Finn Mayer-Kuckuk im Handelsblatt vom 28. März 2014: Japan hasst es, mit Deutschland verglichen zu werden.)

Im Vorfeld des ersten Deutschlandbesuchs von Xí Jìnpíng kam es zu Unstimmigkeiten, weil dieser den Wunsch geäußert hatte, das Mahnmal für den Völkermord an den europäischen Juden (欧洲犹太人大屠杀纪念碑 Ōuzhōu Yóutàirén dàtúshā jìniànbēi) zu besuchen. Die deutsche Seite wies das Ansinnen zurück, da Xí damit Stimmung gegen Japan machen wolle, denn China wirft Japan eine mangelnde Aufarbeitung der Aggression im Zweiten Weltkrieg vor.

Die Empörung in China ist groß, weil Abe Shinzō (安倍晋三) im Dezember als erster japanischer Ministerpräsident seit sieben Jahren wieder den umstrittenen Yasukuni-Schrein (靖国神社 Yasukuni Jinja) besucht hat, wo auch der Kriegsverbrecher gedacht wird.

Der chinesische Botschafter Shǐ Míngdé (史明德) drückte die chinesische Irritation folgendermaßen aus:

„Stellen Sie sich vor, die Bundeskanzlerin würde statt eines Holocaust-Mahnmals den Hitler-Bunker besuchen und dort einen Kranz niederlegen.“

Seit einigen Wochen werden die Verbrechen der Deutschen in den chinesischen Staatsmedien vermehrt aufgegriffen. Dabei geht es allerdings nicht so sehr um die deutsche Geschichte, sondern darum, Japan bloßzustellen.

Der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang hält die Vergleiche beider Seiten für unangemessen und sagt:

„Der politisch sorgfältig geplante und industriell durchgeführte Genozid im Dritten Reich ist sicher nicht dasselbe wie die Gräueltaten einer wild gewordenen japanischen Armee.“

Vor allem stört ihn, dass China die Massentötungen zur Mao-Zeit ebenso wenig aufarbeitet wie Japan seine Kriegsverbrechen.