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Wir begrüßen unsere neue Dozentin für Koreastudien, Frau Shiny Park.

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28. Juli 2014

Tommy-Polka

長野桂次郎 Nagano Keijirō
小花和為八 Obanawa Tamehachi (Kindheitsname)
立石斧次郎 Tateishi Onojirō
1843 - 1917

Tommy-Polka

„New York, im Frühjahr 1979: Der amerikanische Privatgelehrte, Schriftsteller und frühere Geheimagent Paul Blum entdeckt in einem Antiquariatskatalog ein Klavierstück mit dem Titel ‚Tommy Polka‘, erschienen im Jahr 1860 bei Lee & Walker in Philadelphia. Nicht viele hätten damit etwas anzufangen gewusst. Doch Blum war in Yokohama [横浜] geboren, hatte einen großen Teil seines Lebens in Japan verbracht und war ein leidenschaftlicher Sammler von Büchern, die sich mit seiner eigentlichen Heimat, mit Japan, befassten. Tommys merkwürdige Lebensgeschichte war ihm bekannt. Er ließ sich die Noten kommen und sah seinen Verdacht schon beim Blick auf das Titelblatt bestätigt. Unter dem Porträt eines jungen Samurai, mitsamt seinen zwei Schwertern, heißt es: ‚Dedicated to Tateish Onogero (or Tommy) of the Japanese Embassy‘.“
(Folker Reichert: Tommy Polka in Saeculum – Jahrbuch für Universalgeschichte, 63. Jahrgang 2013, 2. Halbband) 

 

Wives and maids by scores are flocking
Round that charming, little man,
Known as Tommy, witty Tommy,
Yellow Tommy, from Japan.
Frauen und Mädchen schwärmen in Scharen
Um jenen bezaubernden, kleinen Mann,
Bekannt als Tommy, witziger Tommy,
Gelber Tommy, aus Japan.

 

1854 schlossen die Vereinigten Staaten von Amerika, vertreten durch Commodore Matthew C. Perry (ペリー Peri), und Japan den Vertrag von Kanagawa (神奈川条約 Kanagawa Jōyaku). Er bedeutete die Öffnung Japans nach Jahrhunderten der Isolierung. Der erste amerikanische Generalkonsul in Japan, Townsend Harris (ハリス Harisu), erreichte 1858 weitere Privilegien durch die Unterzeichnung eines Freundschafts- und Handelsvertrags. Einer seiner Verhandlungspartner hatte die Idee, die Ratifikationsurkunden in Washington auszutauschen. Die japanischen Gesandten, die nach Amerika reisten, fühlten sich als Fremde, weil sie vieles nicht verstanden und wurden umgekehrt als Exoten betrachtet, weil sie sich anders verhielten, als ihre Gastgeber. Das Auftreten der Japaner löste Begeisterung aus. „Star" der Delegation war ein junger Samurai namens Tommy.

Jede größere Stadt wollte das Spektakel erleben. In Baltimore waren drei Viertel der Bevölkerung auf den Beinen. Überall wurden die „süßen Heiden“ (sweet pagans)  hofiert. Doch manchmal war die Begeisterung erdrückend. Höhepunkte waren zwei Besuche im Weißen Haus und die Parade über den Broadway in New York. Überall waren sie willkommen, und nirgends wurden Geheimnisse gehütet.
 
Es waren 77 Samurai in seidenen Kimonos, jeder mit zwei Schwertern gegürtet, die sich martialisch gaben, aber hoffnungslos rückständig wirkten. Die Schwierigkeiten begannen bei der Sprache und endeten nicht im Hotelzimmer. Ein Samurai brauchte eine hölzerne Unterlage für den Kopf (枕 makura), um seine Frisur zu schonen. Einige Mitglieder der Gesandtschaft hielten den Nachttopf für einen geeigneten Ersatz.

Die Teppiche fand man prächtig, dass die Amerikaner sie mit ihren Schuhen betraten, dagegen befremdlich. Umgekehrt fanden die Gastgeber es widerlich, wenn ihre Gäste auf den Fußboden spuckten.

Natürlich war auch das Essen ein Problem. Bei den Einladungen gab man sich bescheiden und aß lieber hinterher im Hotelzimmer das mitgebrachte Miso (みそ) (eine Suppe aus Sojabohnenpaste mit Rettich).

Die japanischen Gäste bemühten sich, alles zu verstehen, was man ihnen zeigte und erklärte. Doch manches blieb ihnen völlig unbegreiflich. Die Stellung des Präsidenten blieb den Gesandten ein Rätsel, zumal der amtierende Präsident, James Buchanan, sich nicht anders als ein Kaufmann kleidete. Nicht einmal ein Schwert trug er. Die Reihe der Präsidentenbüsten im Kapitol erinnerte sie nur an einen Richtplatz, an dem die Köpfe enthaupteter Schwerverbrecher ausgestellt waren.

Am wenigsten konnten die Japaner die Stellung der amerikanischen Frau akzeptieren. Als besonders widerwärtig empfand man die Tanzgesellschaften. Wie die „Mäuse" rannten die Paare im Kreis herum, hüpften und hopsten „wie Schmetterlinge, die sich am Anblick der Blumen berauschten". Dazu lärmte eine schrille, „barbarische" Musik, wie sie noch keiner der Gäste gehört hatte. Zu Hause tanzten nur Geishas (芸者), Männer auf keinen Fall.

So überwältigend waren die Eindrücke, dass viele Mitglieder der Gesandtschaft Tagebücher anlegten oder später ihre Erinnerungen niederschrieben. Wie Reisetagebücher fast immer, sollten sie dazu dienen, mit der Ratlosigkeit fertig zu werden. Fast alle Verfasser taten sich schwer. Ein einziger machte eine Ausnahme und erwiderte von Anfang an die Sympathie der Amerikaner mit Aufgeschlossenheit und Frohsinn. Er wurde zum „Star" der Gesandtschaft und erhielt sogar einen amerikanischen Spitznamen: „Tommy".

Der 17jährige Tommy schrieb kein Tagebuch und keinen Bericht. Auch wird er in keinem der Tagebücher und Berichte erwähnt. Dafür war er zu unwichtig. Er reiste mit seinem Onkel, einem der Dolmetscher. Er hieß auch nicht Tommy, sondern Tateishi Onojirō (立石斧次郎); aber als Kind nannte man ihn Obanawa Tamehachi (小花和為八). Die Amerikaner machten daraus „Tommy".

Tommy entstammte einer Samurai-Familie, war aber auch für Scherze zu haben. Damit unterschied er sich auffällig von seinen Mitreisenden, die ein  Reporter „ehrwürdige Fossilien“ nannte. Tommy dagegen wurde ein Star in den Medien. Die American Watch Company überreichte drei Uhren: eine für den Shōgun (将軍), eine für den Leiter der Gesandtschaft und eine für Tommy.

Vor allem junge Frauen begeisterten sich für Tommy, der Berge von „Fan-Post“ erhielt. Er musste Autogramme schreiben und in seinem drolligen Englisch Konversation machen. Lange tat er das alles geduldig. Doch mit der Zeit wurde er unwillig. Er machte sich rar. Doch seine Popularität wurde dadurch nur weiter gesteigert.

Tommys Erfolg bei den Frauen rief die Kritiker auf den Plan. Karikaturen über den „white nigger“ kamen in Umlauf und seine Englischkenntnisse wurden bemängelt. Auch rassistische Töne über die „hässliche Mongolenfresse“ (ugly Mongol mug) konnte man hören. Was Tommy über das Umschlagen der öffentlichen Meinung dachte, weiß man nicht. Zum Glück verließ die Gesandtschaft wenig später die Vereinigten Staaten. Die Gäste wurden herzlich verabschiedet, aber man war auch froh, dass man sie los war. Die Bewirtung hatte viel Geld gekostet, und niemand wusste, was der Aufwand tatsächlich gebracht hatte. Auch die Sorge, man habe zu viel gezeigt, mischte sich in den Abschied. Die Japaner hätten nicht viel geboten, was man nicht schon gekannt hätte, sie hätten aber ihrerseits jede Menge technischer Kenntnisse erworben. Vielleicht sehe man sie bald in der Lage, amerikanische Waffen nachzubauen, und dann werde man die eigene „exzessive Großzügigkeit“ bereuen.

Das öffentliche Interesse ließ nach, wurde aber noch einmal bedient. Auf der Schiffsreise über Afrika nach Japan wurde die Gesandtschaft von einem Journalisten der New York Times begleitet, und so erfuhr man, wie es Tommy nunmehr erging: Trotz der Anschuldigungen dachte er immer noch gerne an seinen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten zurück. Sehnsuchtsvoll soll er auf den nächtlichen Ozean gestarrt und mit tränenerstickter Stimme „Amerika, Amerika“ gestöhnt haben.

Tatsächlich gelang es ihm noch einmal, in die Vereinigten Staaten zu kommen. Als die Iwakura-Mission (岩倉使節団 Iwakura shisetsudan) 1872 bis 1873 Europa und die USA bereiste, war auch Tommy mit von der Partie. Er war jetzt 28 Jahre alt, hatte seinen Namen geändert und bekleidete ein höheres Amt.

Die Iwakura-Mission trat nicht mehr in Kimonos und mit Samurai-Schwertern auf, sondern meistens im Frack. Japan gab sich als moderne Nation, die auf Gleichberechtigung drängte und Forderungen stellte.

(zitiert nach Folker Reichert: Tommy Polka in Saeculum – Jahrbuch für Universalgeschichte, 63. Jahrgang 2013, 2. Halbband)

 

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