Interview Bastian Lidzba

Ein Ratschlag von mir ist, möglichst viel aus dem Netzwerk des OAI herauszuholen.

Team Leader im Bereich Member Services bei der AHK Japan
Abschlussjahrgang 2010
Studienschwerpunkt: Japan (Auslandsjahr in Nagoya)

Bastian, erzähl doch bitte wie es für dich nach deinem Abschluss am Ostasieninstitut weiterging.

Nachdem ich meine Bachelorarbeit abgegeben habe, bin ich direkt zurück nach Japan gegangen, um dort für ein halbes Jahr bei Mitsubishi Fuso ein Praktikum zu machen. Dort war ich in der HR-Abteilung tätig, speziell im Recruiting und Talent Management-Bereich. Auf die Praktikumsstelle wurde ich über Kontakte zum OAI aufmerksam.
Mitsubishi Fuso gehört mittlerweile zu 89% der Daimler AG. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass in den meisten Unternehmen – unabhängig vom Namen – eine japanische Unternehmenskultur herrscht.
Nur weil es nominell ein deutsches Unternehmen ist, darf man nicht erwarten, dass alles wie in Deutschland abläuft. Es ist also essentiell, sich zu einem gewissen Grad an die japanische Arbeitsweise anzupassen. Um einen ersten Einblick in diese ungewohnte Arbeitswelt zu bekommen, ist ein Praktikum besonders gut geeignet. Ich empfehle auch, den Zeitpunkt der Suche nach einem Praktikumsplatz möglichst früh anzugehen, bestenfalls über ein halbes Jahr im Voraus.

 

Im März 2011 waren das große Tōhoku-Erdbeben und die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Wie haben sich die Ereignisse auf deine damalige Situation ausgewirkt?

Mein Praktikum sollte eigentlich bis April 2011 laufen, ich wurde jedoch aufgrund der Ereignisse vom 11. März seitens des Unternehmens zurück nach Deutschland geschickt.
Zurück in Deutschland brauchte ich erst einmal ein paar Tage um überhaupt zu begreifen, was eigentlich genau passiert war. Mein ursprünglicher Plan war, dass ich weiterhin in Japan bleiben und anfangen würde, zu arbeiten.
Als dann im November 2011 eine Stelle bei der Industrie- und Handelskammer Japans (AHK Japan) ausgeschrieben wurde, habe ich mich deshalb auch direkt darauf beworben und bin nun seit Anfang 2012 für die Handelskammer in Tokyo tätig.


Kannst du unseren Lesern kurz beschreiben, was die AHK macht?

Die AHK Japan ist die zentrale Stelle der deutschen Außenwirtschaftsförderung in Japan. Sie unterstützt die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen und unterstützt deutsche KMU beim Markteintritt im Ausland. Darüber hinaus sind wir auch eine Mitgliederorganisation und schaffen für mehr als 450 Mitglieder eine Plattform für Diskussionen, zum Austausch und zur Vernetzung. Wir sind Teil eines weltweiten Netzwerkes mit 130 Standorten in 90 Ländern.


Was sind deine genauen Aufgaben bei der AHK Japan?

Von den knapp sechs Jahren, in denen ich bei der AHK arbeite, war ich in den ersten dreieinhalb Jahren im Bereich DEinternational als Consultant tätig. Dies ist der schon erwähnte Dienstleistungsbereich der AHK, in dem wir deutschen KMUs beim Eintritt in den japanischen Markt helfen. Wir erläutern unter anderem die rechtlichen Grundlagen, zeigen Wettbewerber auf, führen Marktstudien durch und betreiben auch Geschäftspartnervermittlung.
Im September 2015 bin ich in den Mitgliederbereich gewechselt, da dort der Abteilungsleiter in den Ruhestand ging und ich gefragt wurde, ob ich die Leitung übernehmen möchte. Mein Team besteht hier aus drei japanischen Mitarbeiterinnen sowie einer Praktikantenstelle.
Die AHK hat 450 Mitgliedsunternehmen für die wir das ganze Jahr über Veranstaltungen organisieren. Darüber hinaus sind wir auch für die Werbung neuer Mitglieder und die feste Bindung bestehender Mitglieder zuständig.


Vor welche Herausforderungen wurdest du bei deinem Wechsel von einer normalen Angestelltenposition zu einer Führungsposition gestellt?

Eine der größten Herausforderungen war und ist die Kommunikation. Was für mich eine rein sachliche Aussage ist, kann von einem anderen als persönliche Kritik aufgefasst werden. Das führt schnell zu Missverständnissen ohne dass man selbst davon etwas merkt.
Außerdem muss man in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, die man menschlich gegebenenfalls nicht treffen würde, aber aus der Position des Vorgesetzen und aus Sicht der Organisation zu treffen sind. Es ist Anfangs aber auch überraschend schwer, ehrliches Lob auszusprechen.
Eine weitere Herausforderung war es, in einem deutsch-japanischen Umfeld als vom Alter her jüngere Person der Vorgesetzte zu sein. Auf der einen Seite darf man seine Autorität nicht verlieren, auf der anderen Seite ist man immer noch Teil des Teams, welches gemeinsam am selben Ziel arbeitet.
Neben den Herausforderungen hat die Position aber auch viele neue Möglichkeiten eröffnet. Man verfügt über einen größeren Gestaltungsspielraum und kann so die Ausrichtung und Strategie der Abteilung festlegen, planen und umsetzen. Das macht sehr viel Spaß und motiviert jeden Tag aufs Neue.


Wie hat dich das Studium am Ostasieninstitut auf dein Leben und deine Arbeit in Japan vorbereitet?

Das Auslandsjahr hat dabei womöglich die größte Rolle gespielt. Ich war ein Jahr lang in Nagoya. Ich habe dort Japaner außerhalb der Uni kennengelernt, mit denen ich immer unterwegs war. Da diese kein Englisch sprachen, lief die Kommunikation ausschließlich auf Japanisch ab, was natürlich fördernd für meine Sprachkenntnisse war.
In dem Auslandsjahr sollte man so viel von der japanischen Sprache und Kultur mitnehmen, wie es irgendwie geht. Man ist ein Jahr lang der Fremdsprache ausgesetzt, also ihrer natürlichen Geschwindigkeit sowie ihren Rhythmus und auch dem Gebrauch des Vokabulars. Sich daran zu gewöhnen und die Sprache zu verstehen, lernt man nicht nur in Vorlesungen. Dafür muss man sich in den Alltag außerhalb der Uni einbringen. Das kann durch das Beitreten eines Clubs sein oder man geht abends öfter mit Japanern zusammen weg, da gibt es viele Möglichkeiten.
Aber nicht nur das Auslandsjahr, auch die ersten beiden Jahre am OAI sind von großer Bedeutung. Je besser man in dieser Zeit lernt, desto mehr kann man aus seinem einen Jahr im Ausland rausholen. Wenn man das erste halbe Jahr dafür braucht, um seine Schüchternheit zu überwinden,  um Japanisch zu sprechen, hat man dieses halbe Jahr eigentlich verloren. Und je mehr man aus dem Auslandsjahr mitnimmt, desto mehr Möglichkeiten hat man später.


Hast du aus deinen Erfahrungen in Japan noch einen guten Tipp für unsere Studierenden?

Ein Ratschlag von mir ist, möglichst viel aus dem Netzwerk des OAI herauszuholen. Ich meine damit nicht nur das Netzwerk innerhalb Ludwigshafens sondern beispielsweise auch dem Netzwerk hier in Tokyo. Wenn man zum Beispiel zum Studium oder Praktikum in Japan ist, kann man hier Anschluss finden und sich mit anderen Leuten über ihre Erfahrungen austauschen.
Das Netzwerk ist natürlich nicht alles, aber es macht viele Sachen einfacher, zum Beispiel, die richtigen Leute kennen zu lernen. Nur weil man von jemandem empfohlen wurde, heißt es natürlich nicht, dass man sofort einen tollen Job bekommt. Aber man bekommt dadurch vielleicht eine Chance zu einem Vorstellungsgespräch oder zumindest einen ersten Kontakt mit weiteren Möglichkeiten.

 

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Vielen Dank für das interessante Interview und auch weiterhin viel Erfolg in Japan!

 

(Das Interview führte Svenja Neu.) 

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