Interview Florian-Frederik Deutgen

„Das ist schon ein großes Asset, das wir vom OAI mitbekommen haben.“

Florian-Frederik Deutgen
Senior Consultant at MHP (Shanghai) Management Consultancy Co., Ltd.

Florian, erzähl unseren Lesern doch bitte, wohin es dich nach deinem Abschluss gezogen hat?

Ich habe 2011 meinen Abschluss im Schwerpunkt China gemacht und bin seitdem bei einer Unternehmensberatung namens  MHP tätig. Vor gut einem Jahr bin ich für das Unternehmen in das chinesische Office nach Shanghai gewechselt. MHP ist ein Tochterunternehmen der Porsche AG mit mittlerweile über 1500 Mitarbeitern. Unser Fokus liegt auf der Beratung von Unternehmen der Automobilbranche und zunehmend auch anderen Industrien.

DeutgenWie ist es dazu gekommen und was hat dich motiviert?

Ich hatte schon während meines Studiums vor, in die Unternehmensberatung zu gehen. Da ich selbst sehr automobilbegeistert bin und großes Interesse an dieser innovativen  Branche habe, wollte ich etwas in diesem Bereich machen. Hinzu kam damals aber auch der Einschlag in Richtung Beratung, da mich die herausfordernden und themenübergreifenden Aufgaben und die steile Lernkurve im Job daran reizten.  So wurde ich auf MHP aufmerksam - mittlerweile eine der renommiertesten und besten Beratungen im Bereich Automotive.
Nachdem ich mich dort beworben hatte und zu einem Interview eingeladen wurde, stellte sich im Gespräch schnell heraus, dass MHP das richtige Unternehmen für mich ist. Hier konnte ich meine beiden Interessensgebiete, die Unternehmensberatung mit eher generalistischer Ausrichtung und die Automobilbranche, sehr gut verbinden. Ich wollte mich für kein einzelnes Automobilunternehmen festlegen, bei MHP konnte ich unternehmensübergreifend arbeiten. Wie man sieht, sind wir zusammen gekommen  und so habe ich im Oktober 2011 bei MHP zunächst in Essen angefangen.

Von vielen unserer Studierenden hören wir immer wieder, dass es schwierig ist, den Einstieg in die Unternehmensberatung zu finden. Kannst du da von deinen Erfahrungen berichten?

Es ist richtig, dass es nicht so einfach ist, den Einstieg zu finden. Es ist ja auch eine anspruchsvolle Tätigkeit, die für viele Absolventen attraktiv ist. Viele der großen und bekannten Beratungen erwarten als Grundvoraussetzung einen Universitätsabschluss. Wenn man ernsthaft vorhat, in diesem Bereich - und vor allem in der Strategieberatung - tätig zu werden, sollte man sich überlegen, einen Master nach unserem Abschluss dranzuhängen. Bei mir hat es ohne Master geklappt, da ich bereits in meinen Praktika sehr gute Erfahrungen sammeln konnte. Ich habe beispielsweise an meinen Auslandsaufenthalt nach zehn Monaten Uni noch ein dreimonatiges Praktikum in Shanghai angehängt. Zusätzlich bin ich während der Zeit, als ich an meiner Bachelorthesis gearbeitet habe, für ein Unternehmen nach China gegangen. Das waren sehr gute und wichtige Erfahrungen, ich hatte relativ viel Verantwortung und Aufgaben, die mich immens weitergebracht haben. Bei dem Vorstellungsgespräch hat das natürlich geholfen, bestimmte Erfahrungen mitzubringen und nicht von Null zu starten. 

Mit viel Berufserfahrung kann man auch den Fuß in die Tür der Beratungsbranche bekommen.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag in deinem Leben  aus?

Den typischen Arbeitsalltag in diesem Sinne gibt es nicht. Das ist sehr spannend, vorausgesetzt, man mag das. Ich habe mittlerweile an vielen unterschiedlichen Themen gearbeitet, was relativ typisch in der Beratung und einer der Vorteile ist. Da unser Unternehmen auch einen Hintergrund im Bereich der SAP-Beratung hat, habe ich anfangs auch SAP-Themen mitbetreut und bei Kunden durchgeführt. Aufgrund meiner Interessen und durch den betriebswirtschaftlichen Hintergrund unseres Studiums habe ich mich schnell jedoch mehr im Bereich des Produktkostenmanagements positioniert. Dieses Feld habe ich im Unternehmen als Themengebiet entwickelt, indem wir die notwendige Expertise aufgebaut haben: „Wie kann ich meine Produktkosten im Unternehmen transparent gestalten? Wie kann man herausfinden, was unsere Produkte bis ins kleinste Detail kosten und wie kann man diese entsprechend optimieren?“ Das war ein sehr interessantes Themengebiet mit dem ich zwei Jahre bei einem großen Automobilzulieferer tätig war. Mittlerweile bin ich in Shanghai und arbeite in unserem Büro hier. Momentan bin ich jetzt bei einem großen deutschen Automobilhersteller in China an der Einführung einer neuen Generation von  Connectivity Services beteiligt. Das ist natürlich  ein ganz anderes, aber extrem spannendes Themengebiet, vor allem im chinesischen Markt.


Was machst Du dabei im Speziellen?

Im Prinzip besteht  sehr viel im Projektmanagement, Probleme werden analysiert und strukturiert. Wo kommt das Problem her? Wie können wir es lösen, beziehungsweise es auf kleine bearbeitbare Teile herunterbrechen? Dann gilt es, diese Teilaufgaben mit bestimmten Zeitfaktoren zu beplanen und sie im vorgegebenen Kostenrahmen anzupacken. Dies tun wir auf täglicher Ebene und vergleichen zum Beispiel, wie weit wir gekommen oder welche Risiken es gibt. In diesem Prozess sind viele verschiedene Leute beteiligt, daher haben wir viele Termine und Meetings um uns immer wieder abzustimmen. Als Berater trägt man zum einen fachliche Expertise in ein Unternehmen und zum anderen versuchen wir, das Know-how und  die Stärken des Unternehmens zu erkennen, zu extrahieren und an die richtigen Stellen und Personen zu führen. Es ist ja selbstverständlich, dass ein Unternehmen sich in seinen Kernbereichen am besten auskennt - wir kommen oft auch dann ins Spiel, wenn dieses Wissen nicht zielgerichtet oder nicht vollständig verwendet wird. 
Das Interessante am Berateralltag ist, dass man so in einer Parallelwelt tätig ist. Ich arbeite jetzt sozusagen meine acht bis zehn Stunden am Tag für unseren Kunden und muss darüber hinaus noch weitere interne Themen für unser Unternehmen MHP betreuen. Interne Themenentwicklung heißt zum Beispiel, welche neuen Serviceleistungen und Produkte wir anbieten können oder wie wir unser Team strukturieren und Knowledge Management betreiben können.

Das klingt nach einem sehr hohen Arbeitsaufwand. Wie ist so das Leben in Shanghai?

Das ist es definitiv, aber meine Arbeit macht mir einfach Spaß und daher finde ich meine Erfüllung darin. Ich kann guten Gewissens auch mal etwas mehr arbeiten. Shanghai ist eine sehr pulsierende und dynamische Stadt. Es reizt ungemein, hier zu wohnen und man hat unglaublich viele Möglichkeiten. Das gilt besonders für Menschen mit internationalem Mindset. Du findest hier alles und jeden und es gibt eine riesige Community von Leuten. Das macht die Stadt ziemlich lebenswert. Man hat früher immer gesagt, dass Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei. Meiner Meinung nach trifft das in vielen Punkten mittlerweile eher auf Shanghai beziehungsweise das westlich geprägte China zu. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch einige Einschränkungen gibt ...

Wie hat Dich das Studium am Ostasieninstitut auf das Leben und Arbeiten in China vorbereitet?

Ich bin froh, dass ich jetzt wieder meinen Chinesisch-Schwerpunkt nutzen kann. Das ist schon ein großes Asset, das wir vom OAI mitbekommen haben. Ich habe einfach ein besseres Verständnis davon, was hier passiert, kann vieles dieses sehr anderen Landes einordnen und interpretieren. Und ich muss gestehen, dass das Niveau des Chinesisch, das wir nach unserem Abschluss haben, wirklich eines der höheren Level unter den Ausländern hier ist. Mittlerweile gibt es viele Expats und Ausländer, die Chinesisch lernen, aber das geht  oft nicht über das sogenannte Taxi - Chinesisch hinaus. Ich schätze es in meinem Umfeld sehr, dass ich auf einem bestimmten Niveau mitreden kann und das meiste verstehe. Da wir viel mit chinesischen Counterparts arbeiten, macht es mir und meinen chinesischen Kollegen die Arbeit  leichter.  Diese Kenntnisse lassen uns OAIler hier dann  hervorstechen.
Außerdem haben wir in Asien ein sehr interessantes Netzwerk von Absolventen und Studenten, was natürlich für den Austausch von Praxiserfahrungen während und nach dem Studium hilfreich ist. Apropos Netzwerk: wie einige bestimmt schon mitbekommen haben, versuchen wir seit geraumer Zeit, unser gutes Netzwerk noch besser zu etablieren, organisieren und zugänglich zu machen. Am besten sichtbar und erlebbar ist dieses Engagement an den Alumni-Treffen, die mittlerweile einigermaßen regelmäßig in Beijing, Shanghai und Tokyo stattfinden und wozu alle OAIler herzlich eingeladen sind. Um die Möglichkeiten eines solchen Netzwerks noch besser auszuschöpfen, möchten wir von Seiten der Alumni-Organisation in Zukunft stärker mit dem OAI zusammenarbeiten und haben hierzu den Kontakt mit der neuen Fachschaft und unserer Studentenorganisation Steam StEAM e.V.  hergestellt.

Welche Ratschläge kannst du den jetzigen Studierenden mitgeben?

Ich kann nur ausdrücklich raten, das Auslandsjahr gut zu nutzen um die Sprache tiefgehend zu lernen - mir hat dazu das Jahr in Nanning sehr geholfen, auch wenn hinterher nicht der Name einer renommierten Uni im CV steht. Zudem sollte man sich früh Gedanken machen, worauf man sich spezialisieren möchte, da unser Studium eher breitgefächert ist und wir darin viele verschieden Themen kennenlernen, ohne uns stark zu spezialisieren. Dabei hilft auch, sich trotz der knappen Zeit die man hat, Einblicke in Unternehmen zu sichern. Nur so kriegt man ein Gefühl, was denn eigentlich in der Unternehmenswelt abläuft und welche Themengebiete überhaupt existieren. Investiere während des Studiums Zeit, so deinen eigenen Weg zu finden und zu identifizieren, was dich interessiert, was dir Spaß macht und worin du gut bist - so legst du einen wichtigen Grundstein für eine erfolgreiche und erfüllende Karriere!

Danke, Florian-Frederik Deutgen, für den Einblick in die Welt der Unternehmensberatung und die Ratschläge an unsere Studenten.

(Das Interview führte Paul Gebel.)

Interviews mit weiteren Absolventinnen und Absolventen des Ostasieninstituts