Vortrag: Gold, Götzendienst und Kamikaze - Marco Polo und Japan

Am Dienstag, den 29. April 2014, hielt der Historiker Folker Reichert im Ostasieninstitut einen Vortrag. Professor Reichert ging dabei folgenden Fragestellungen nach:

  • Was wusste Marco Polo von Japan?
  • Welchen Anteil hatte er an der zweimal gescheiterten Invasion Japans durch die Mongolen?
  • Inwieweit hat sein „Buch von den Wundern der Welt“ das europäische Japanbild beeinflusst?

Der Vortrag gab Antworten auf diese Fragen und zeigte, welche Spuren die von Marco Polo beschriebenen Ereignisse in der japanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hinterließen.

Von Zipangu bis Japan

001Kamikazebomber

Kamikazebomber
(Foto: Folker Reichert)

Professor Reichert unternahm von der südjapanischen Stadt Fukuoka (福岡) aus, der Heimatstadt seiner Frau, Fahrradausflüge in die geschichtsträchtige Umgebung. Dabei kam er auch in das Städtchen Tachiarai (大刀洗) mit seinem sogenannten Friedensmuseum (Peace Museum, 平和記念館), das aber eher als Kriegsmuseum zu betrachten ist und als besondere Rarität ein gut erhaltenes Kamikaze-Flugzeug präsentiert. Das ist umso bemerkenswerter, als diese Flugzeuge nahezu alle entweder im Krieg abgestürzt sind oder nach dem Krieg verschrottet wurden. Deshalb war es eine Sensation als dieses Flugzeug in den 1990er Jahren aus der Bucht von Hakata geborgen wurde.

002Hakatabucht

Bucht von Hakata
(Foto: Folker Reichert)

Vor Hakata (博多), heute ein Stadtteil von Fukuoka, fanden im 13. Jahrhundert die zwei vergeblichen Mongolenangriffe statt, die auf Grund von Fehlplanungen und Taifunen zum größten Desaster der Marinegeschichte führten. Die Kriegsflotte des Großkhans Kubilai Khan scheiterte mit ihren 140.000 mongolischen, koreanischen und chinesischen Soldaten im Sturm vor der japanischen Küste. Das nahmen die Japaner zum Anlass von einem göttlichen Wind (神風 kamikaze) zu sprechen, der das Land schützte und versuchten diesen Mythos am Ende des Zweiten Weltkriegs zu beschwören, indem sie ihre Selbstmordflieger danach benannten.

003Mongolenwall

Mongolenwall
(Foto: Folker Reichert)

Marco Polo war als Gefolgsmann des Großkhans in China als die zwei Japan-Expeditionen scheiterten und berichtet später darüber, obwohl er nie in Japan war, aber er holte sich Informationen von chinesischen Gewährsleuten ein. So war er der Ansicht, nicht der Großkhan war schuld am Scheitern, sondern seine Generäle und das Wetter.

004Khubilai 005Marco Polo 1477

Portrait Kubilai Khans
ᠬᠤᠪᠢᠯᠠᠢ ᠬᠠᠭᠠᠨ
忽必烈
Hū​bì​liè

(Palastmuseum Taipei)

Das ist der edel Ritter Marcho polo von Venedig der welt grost landtfarer. der vns beschreibt die grossen wunder der welt die er selber gesehenn hat. Von dem auffgang pis zu dem nydergang der sunne. der gleyche vor nicht meer gehort seyn.

 

008List der Mongolen

List der Mongolen

Marco Polo versuchte sich an einer Ehrenrettung der Mongolen, indem er erzählt, die Überlebenden hätten die japanische Hauptstadt eingenommen und ein Bleiberecht im Land erwirkt, wofür es allerdings keine Anhaltspunkte gibt.

009Henricus Martells Yale

Heinrich Hammer

Auf Heinrich Hammers Weltkarte (1480/1490) erkennt man Europa, Afrika und Asien. Japan (damals noch Zipangu) liegt am östlichen Rand der Karte.

010Weltbild 6 Henricus Martellus Zipangu 2

Cipangu Insula (die Insel Zipangu)
Ausschnitt aus Hammers Weltkarte

„Hec Insula distat ab littora … mangi Centum et quingentamilia passuum est magna valde.”

Cipangu (Zipangu) liegt 1.500 Meilen vom Festland entfernt.

Nimmt man italienische Meilen als Grundlage, dann ist Japan wirklich sehr abgelegen. Setzt man aber voraus, dass es sich hier um chinesische Meilen (里) handelt, dann kommt man auf eine Entfernung von 750 Kilometern und das ist ziemlich genau die Entfernung von Shanghai nach Fukuoka.

011Behaim Martin

Martin Behaims Darstellung Zipangus

Dieser Ausschnitt aus dem Globus des Nürnberger Kartographen Martin Behaim zeigt einige der Vorstellungen, die man zu Beginn der Neuzeit von Japan hatte. So sah man Japan als Teil von Indien, woraus man folgerte, dass es dort auch Gewürze und Dufthölzer geben müsse:

„Cipangu Insula hat ein besondern konik und sprach, betet apgötter an“

„Cipangu: di edelst und reichst insel in oriente, von spicerei und edelstein vol, hat umfang bei 1200 meilen“

„cipangu do wächst vil gold“

„In dieser insul do wechst gold und gewürz stauden“

Damals hieß es auch, die Menschen dort seien schön, weiß und hätten gute Manieren. Gleichzeitig betrachtete man sie – was besonders schlimm war – als Götzendiener, weil sie Götzenbilder anbeteten, was dem Bilderverbot widersprach. Auch wurden die Japaner als Menschenfresser (Anthropophagen) betrachtet.

012Toscanellikarte

Toscanellis Weltkarte

Der italienische Kartograf Paolo dal Pozzo Toscanelli (1397 – 1482) beschäftigte sich mit der Idee, dass man Asien von Europa aus auf einem westlichen Seeweg erreichen könne. So wurde er einer der Wegbereiter der Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Kolumbus. Cipangu liegt auch hier 1.500 Meilen vor der Küste Chinas, das hier noch die von Marco Polo überlieferten Namen Catay (für Nordchina) und Mangi (für Südchina) trägt. Cipangu wäre nach dieser Karte eine Zwischenstation nach China gewesen.

013Waldseemller

Ausschnitt aus Waldseemüllers Weltkarte

Der Freiburger Kartograf Martin Waldseemüller (um 1472/1475 - 1520) erstellte die erste Weltkarte, auf der die Landmassen im Westen nach Amerigo Vespucci mit dem Namen „Amerika“ bezeichnet wurden. Bis zum 16. Jahrhundert galt aber Amerika als Teil Asiens. Diese Ansicht wurde eigentlich erst mit der Entdeckung der Nordwestpassage im 19. Jahrhundert widerlegt. Über Zipangu weiß Waldseemüller von weiteren Gewürzen, die dort wüchsen, nämlich Zimt, Nelken und Ingwer. Die Hauptstadt nennt er Zipangri Civitas (Stadt Zipangri).

014Stuttgart um 1535

anonyme Amerika-Karte von 1535

Ein anonymer Kartograf zeichnete 1535 diese Karte, auf der Südamerika deutlich zu erkennen ist. Von besonderem Interesse ist aber hier, dass Mittelamerika direkt in Asien übergeht. Hispania Nova (Mexiko)  liegt hier zwischen Mangi (Südchina) und Cathay (Nordchina).

Wo aber finden wir hier Japan?

Die Positionierung Japans, dem Zankapfel der Kartografen, kann als Prüfstein für gute Karten betrachtet werden.

015Stuttgart Ausschnitt

Ausschnitt aus der obigen Karte

Ein Ausschnitt aus dieser Karte hilft weiter. Cipangu / Japan ist die Insel Yucatan, das in Wirklichkeit eine Halbinsel im Golf von Mexiko ist.

016Gastaldi 1550

Jacobo Gastaldi, 1550

Der italienische Kartograf Jacobo Gastaldi veröffentlichte 1550 die erste Karte, auf der Marco Polos Zipangu Japan (italienisch: Giapam) genannt wird. Diese Insel findet sich hier westlich von Neuspanien (la Nova Spagna = Mexiko).

017Gastaldi Anian

Gastaldis Positionierung von Anian

Im Norden dieser Karte von Gastaldi findet sich im Norden eine Region Anian. Was ist Anian? Es ist eine Schreibvariante von Annam (安南), gemeint ist damit das heutige Vietnam, das hier nördlich von China verortet wurde.

Der Golf von Hainan (Golfo di Cheinan) gehört zum Chinesischen Meer (Mare de Mangi), in dem die Insel Japan (Isola di Giapan) liegt.

Von den chinesischen Küstenstädten ist Zaiton, das heutige Quanzhou (泉州), zu beachten.

018Ortelius 2

Abraham Ortelius

Der flämische Kartograf Abraham Ortelius (1527 - 1598) zeichnete diese Karte mit der folgenden lateinischen Legende:

„Japan insula à M. Paulo Veneto Zipangri dicta, olim Chryse, a Magno Cham olim bellopetita, sed frustra."

„Die Insel Japan, die von dem Venezianer M. Polo einst Zipangri genannt wurde und die der Großkhan einmal zu erobern versuchte, aber vergeblich.“

Auf der südjapanischen Insel Kyūshū (九州) ist lediglich die Stadt Kagoshima (鹿児島) eingezeichnet.

Die Insel Shikoku (四国) trägt ihren alten Namen Tosa (土佐, hier: Tonsa).

Auf der Hauptinsel Honshū (本州) wird die Hauptstadt Kyōto (京都) als Meaco (京Miyako) „insule civitas primaria“ bezeichnet. Die Stadt Ōsaka (大阪) heißt hier Osaquo.

Im Norden dieser Hauptinsel gibt es Silberminen (Minas de plata).

 

Folker Reichert

Folker Reichert war bis 2012 Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Stuttgart. Als Gastprofessor lehrte er an Universitäten in Shanghai, Yokohama und Bangkok. Seit seiner Tätigkeit als DAAD-Lektor in Shanghai 1982/83 beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte des Reisens, der Entdeckungen und der europäischen Vorstellungen von Asien.

Folker Reichert 2012

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • mit Siegfried Englert (Hrsg.): Shanghai. Stadt über dem Meer. Heidelberg 1996
  • Diesseits der Mauer. Bilder aus China (Die bibliophilen Taschenbücher. Bd. 490). Dortmund, 1990
  • Die Reise des seligen Odorich von Pordenone nach Indien und China. (1314/18–1330). Heidelberg, 1987
  • Thailand. Land der Freien (Die bibliophilen Taschenbücher. Bd. 554). Dortmund, 1988,
  • Begegnungen mit China. Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters. Bd. 15). Stuttgart, 1992
  • Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter. Stuttgart, 2001
  • Das Bild der Welt im Mittelalter. Darmstadt, 2013