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Fundstücke aus einem Leben in der Fremde

Fundstücke aus einem Leben in der Fremde
Das Ostasieninstitut in Ludwigshafen erhält die Sammlung des Kaufmanns Emil Helfferich aus Neustadt
(Die Rheinpfalz vom 12. Juli 2001)

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Die kürzeste Zeit seines Lebens hat Emil Helfferich in jener Stadt verbracht, die ihm den Besitz einer nach ihm benannten Sammlung verdankt – und die nun als Dauerleihgabe den Ostasieninstitut der Fachhochschule in Ludwigshafen zur Verfügung gestellt wurde: 1878 in Neustadt an der Haardt, dem heutigen Neustadt an der Weinstraße, geboren, machte Helfferich sich schon mit 16 Jahren auf in die große weite Welt: Zunächst ging er für ein Jahr in die Schweiz, um Sprachen zu lernen. Danach begann er in Hamburg eine Kaufmannslehre. Erst 1970, als 90Jähriger, kehrte er nach Neustadt zurück, wo er zwei Jahre später starb.

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Emil Helfferich an seinem Arbeitsplatz

Die Zeit dazwischen ist die eigentlich interessante: Sein Beruf führte Helfferich in den ostasiatischen Raum, nach Malaysia, Sumatra und vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts nach Indonesien, das damals noch Niederländisch-Indien hieß. In der Hauptstadt Batavia, dem heutigen Jakarta, gründete er eine Plantage, der Besitz war später auf mehrere Inseln verstreut. Gewürze, vor allem Pfeffer und Muskatnuss, aus Asien waren damals der große Renner in Europa. Helfferich baute auch Kautschuk, Chinarinde, Reis und später Tee an.

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Ein systematischer Sammler war Helfferich nicht. Einige der vielen Bücher, Textilien, Möbel, Keramik- und Metallgegenstände, die heute in dem Neubau am Rhein in Ludwigshafen untergebracht sind, waren Geschenke seiner Mitarbeiter, anderes hat er gekauft, um sein Büro oder seine Villa in Hamburg damit einzurichten. Insgesamt 300 Gegenstände hat das Ostasieninstitut nicht nur in einem eigenen Raum aufgebaut, der Ethnologe Stefan Dietrich hat sie auch in mühevoller Kleinarbeit katalogisiert - eine Arbeit, die für die Stadt Neustadt als Trägerin der Stiftung zu aufwändig gewesen wäre. Viele von Helfferichs Büchern ließ das Ostasieninstitut neu einbinden. Die Stiftung für Kultur des Landes Rheinland-Pfalz und die Klaus Tschira Stiftung in Heidelberg stellten finanzielle Mittel zur Verfügung.

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Das Kernstück der Ausstellung sind die Möbel, die in ihrer Gesamtheit nicht nur einen Eindruck. von der Wohnkultur des damaligen Indonesiens vermitteln, sondern als zusammengewürfelte Sammlung einen schön anzuschauenden Stilmix ergeben. Da sind chinesische Prunkmöbel, zwei Stühle und ein Beistelltisch, deren Dekor in Perlmutt eingelegt ist. Da ist aber auch ein ganz profaner Spucknapf, nach heutigen Maßstäben keinen großen Gebrauchswert mehr besitzt.

Zur Sammlung gehört auch eine Zierrüstung, angelehnt nach japanischem Brauch an alte Samurai-Rüstungen, die eigentlich zu einem Mannbarkeitsfest getragen werden sollte, bei Helfferich aber einen lediglich dekorativen Zweck erfüllte. Dass sich in den Möbeln die verschiedensten Stileinflüsse - muslimisch-arabisch, holländisch, portugiesisch - erkennen lassen, macht die Sammlung auch aus wissenschaftlicher Sicht interessant. Ähnliches gilt für indonesische Kleidung und gemusterte Tücher oder für chinesische Stickereien.

Emil Helfferichs Memoiren sind nach Einschätzung von Jochen Leue, der sich mit der Biographie des Außenhandelskaufmanns eingehend beschäftigt hat, „eine wahre Fundgrube für Wirtschafts- und Sozialgeschichte". Helfferich veröffentlichte drei Bände seiner Autobiografie „Mein Leben", dazu schrieb er zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen und Texte in Prosa und Lyrik.

1927 kehrte Helfferich nach Deutschland zurück. Anders als sein Bruder Karl, der 1915 Reichsfinanzminister war, zog es ihn weniger in die Politik. Von den Nationalsozialisten wurde er zwar zum „Staatsrat" ernannt, aber faktisch hatte der Titel keine Bedeutung: In NSDAP hatte er keine Funktion, nach dem Zweiten Weltkrieg stufte ihn die Entnazifizierungsbehörde als unbelastet ein. 1941, nachdem er in Hamburg noch einige Jahre als Reeder gearbeitet hatte, setzte Helfferich sich zur Ruhe.

Weil er keine Kinder hatte, vermachte er seine Sammlung - mit Ausnahme seines Privatarchivs, das verschollen ist - der Stadt Neustadt als „Helfferich-Stiftung". Dass sie nun zum Ostasieninstitut gekommen ist - nach einem Zwischenaufenthalt bei der Ludwigshafener Feuerwehr - ist Kontakten und vielen Gesprächen zwischen Ludwigshafen und Neustadt zu verdanken. Auch wenn an der Tür des Raumes, in dem die Sammlung beherbergt ist, „Helfferich-Sammlung" steht, möchte das Institut gerne weitere Sammlungen betreuen und zeigen. „Die Leute sollen ihre alten Mitbringsel ruhig einmal durchschauen", sagt Institutsleiter Siegfried Englert.

 

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