Lage im Katastrophengebiet Iwate

Lage in Iwate (岩手)

Entwicklung in Iwate in der Woche bis zum 30. März (Uwe Richter)

Iwate Maerz 2011

Die Zahl der Toten in Iwate (岩手 ) am 30. März, 12.00 Uhr: 3.301, Vermissten: 4.544.

Häfen: im Hafen von Ofunato (大船渡 ) legt am 23.3. zum erstenmal ein größeres Schiff an mit Hilfsgütern aus Hokkaido. Hafenfunktion teilweise wiederhergestellt.

Benzin: An der Küste weiterhin schwierig. Im Landesinnern werden die Schlangen vor den geöffneten Tankstellen kürzer, mehr und mehr Tankstellen öffnen, das Benzin ist nicht mehr rationiert.

"Kernschmelze-Aufregung": In Iwate nichts davon zu spüren. Besorgniss ja. In Fukushima Appelle an die Verbraucher, aufgrund überhöhter Werte an einigen Orten nicht in einen allgemeinen Boykott von Gemüse usw. aus Fukushima zu verfallen.

Notunterkünfte: Bau von Notunterkünften. in den Katastrophengebieten macht zügige Fortschritte. In der Stadt Rikuzentakada (陸前高田) sollen 4.000 Notunterkünfte-Häuser (an 380 Orten) gebaut werden (43.000 Menschen in Notunterkünften in Iwate), am 26. März gab es 36. Geplant für zwei Jahre. In der Stadt Yamada  (山田) leben von 19.000 Einwohnern (400 Tote durch Tsunami) 4.000 in Sporthallen der Schulen, andere im Landesinnern und bei Verwandten. Die Hälfte der Bevölkerung von Yamada hat ihr Zuhause verloren.
Armee richtet Badestellen ein zur Abwehr von Ansteckungskrankheiten und zur Aufwärmung des Körpers (Temperaturen tagsüber um zehn Grad, nachts teilweise unter null).

Gemeinden im Landesinnern stellen leerstehenden Wohnraum zur Verfügung, z.B. (aufgrund der Geburtenrückgänge besonders in ländlichen Gebieten während der letzten Jahre) stillgelegte Schulgebäude. Benachbarte Präfekturen (z. B. Akita) laden mehrere Tausend der in Notunterkünften Lebenden (Stand 26. 3 : 200 Tausend im ganzen Nordosten) ein, in dortigen Familien zu wohnen. 9.500 Zimmer werden angeboten von Hotels im Binnengebieten von Iwate, die Menschen für umsonst wohnen lassen.

Verkehr: Shinkansen: Teilstücke der 550 Kilometer zwischen Tokio und Iwate werden befahrbar sein zwischen Anfang und Mitte April. Lokale Bahnlinien und Buslinien zwischen Landesinnern und Küste bereits wieder in Betrieb bzw. Anfang April.

Verwaltung / Banken / Polizei: Benachbarte Präfekturen schicken Gruppen von Verwaltungsbeamten zur Unterstützung der Ämter in den Katastrophengebieten. Banken richten provisorische Stellen in den zerstörten Städten ein zum Abheben von Geld. Polizei stellt Führerscheine aus für Leute, die alle Unterlagen verloren haben.

Hilfsaktionen: Sehr vielfältig, nun voll angelaufen. Ämter und Gruppen organisieren Transporte von Hilfsmitteln und Nahrungsmitteln; organisieren Freiwillige, die diejenigen Arbeiten verrichten (können), die am Ort gebraucht werden. Freiwillige sammeln/ordnen z. B. in den Trümmern aufgefundene Fotos/Alben.

Fakultät für Sozialwissenschaften der Landesuniversität Iwate (meiner Uni) organisiert die Aufnahme in Familien und Betreuung traumatisierter Kinder, deren Eltern alle Hände voll zu tun haben mit anderen Dingen.
Programmierer in Tokio und anderswo entwickeln Programme für Twitter usw. zur Auffindung von in Notunterkünften und anderswo verstreuten Personen. Im Fernsehen 30 Sekunden-Spots von Menschen, die ein Plakat mit kurzem Text hochhalten und Verwandte suchen, die vielleicht irgendwo in Notunterkünften leben. Sagen, was sie im Augenblick am Nötigsten brauchen.

Zeitungen veröffentlichen mehrseitige Auflistungen von Verbindungsstellen, Notunterkünften und Namen ihrer Bewohner, Konten für Spenden, Sammelstellen für Kleider, Namen der identifizierten Toten, Vermissten..

Wirtschaft: 5300 Strommasten umgefallen in Iwate; 94 Fischereihäfen und Anlagen/Schiffe/ Seeigel-, Muschel-, Seetang-Anlagen zerstört, unklar, ob Fischerei in Iwate überlebt. Durch Totalzerstörung zahlreicher hochspezialisierter kleiner Unternehmen/Zulieferer großer Produktionsanlagen sind Produktionsabläufe zentraler Bereiche wie Autoindustrie bedroht mit Auswirkungen landesweit, zum Teil international (China). Obendrein Stromausfälle in den industriellen Zentren um Tokio und Osaka/Nagoya, unklar, wie Spitzenenergiebedarf in den Sommermonaten befriedigt werden kann.

Uwe Richter


20. März 2011

Geographische Gegebenheiten des Katastrophengebiets (Kb) Iwate

Das Kb/Iwate, die Sanriku-Küste (三陸海岸 ), ist von Morioka (盛岡 ), dem Sitz der Landesverwaltung und dem Innern des Landes getrennt durch das Kitakami(-Fluss)-Gebirgsland (北上, vergleichbar dem Schwarzwald). Vom Landesinnern erreichbar durch lediglich fünf Hauptstraßen, nach Hachinohe (八戸), Kuji, Miyako, Kamaishi, Rikuzentakada, Städte, die in den Ebenen der großen Buchten der 200 Meter hohen Steilküste liegen. Die kleineren Ortschaften, Fischerdörfer, sind nur von den Küstenstraßen erreichbar, die ebenso wie die Küstenbahnlinie teilweise zerstört wurden. Das Katastrophengebiet erstreckt sich über 400 Kilometer.

Iwate Maerz 2011

Versorgung: aufgrund der geographischen Gegebenheiten sehr unausgeglichen. Es fehlt an Benzin, Heizöl, um die Hilfsgüter zu transportieren, auch an Lebensmittel, heißen Bädern, um die Widerstandskraft gegen Kälte, Unterernährung, Stress zu erhöhen. Hilfsgüter treffen nun vermehrt ein, Verteilung aber ungleichmäßig. Sehr kritisch die Versorgung von Alten und Kranken mit Insulin usw. Im Landesinnern nur wenige Tankstellen, die sporadisch Benzin anbieten: auf 20 Euro pro Auto begrenzt.

Abräumen der Trümmer: notwendig, um Transportwege freizulegen.
Durchführung der Organisation: In einem Kreis der benachbarten Präfektur Miyagi sind von 230 Verwaltungsangestellten 35 tot oder vermisst. Es werden weniger die freiwilligen Helfer gebraucht, die sich überall gemeldet haben, als professionelle, katastrophenerfahrene Helfer.
Frage: Sollen die Überlebenden in andere Landesteile evakuiert werden oder sollen sie in Notunterkünften belassen werden?
Die Überlebenden organisieren sich mehr und mehr selbst und viele sind nicht bereit, sich evakuieren zu lassen und damit die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, zu verlieren. Es sind bereits selbstorganisierende Kommunikationssysteme entstanden.

Notwendig: Abwägung von kurzfristigen, unbedingt notwendigen Sofortmaßnahmen und mittelfristigen, die Erfordernisse der kommenden Wochen berücksichtigenden Maßnahmen.

Kommunalwahlen, die Anfang April anstanden, wurden verschoben, um die Arbeit der Verwaltungsorganisationen auf die Katastrophenhilfsmaßnahmen konzentrieren zu können.

Zum Zeitpunkt 20. 3: Tote und Vermisste landesweit: 20.000. Iwate: 2.500 Tote. 70.000 Haushalte ohne Strom und Wasser. An 53 Orten Notunterkünfte (Sporthallen usw.) mit etwa 5.000 Menschen.

Ständig (in einigen Fällen im Abstand von 10 Minuten) Nachbeben.
Keine Schäden dadurch, aber Schlaflosigkeit. Nachbeben werden nach Einschätzung von Experten möglicherweise ein Jahr lang anhalten.

Morioka (300.000 Einwohner) liegt 250 Kilometer nördlich des Kernkraftwerks Fukushima, ebenso weit wie Tokyo südlich. Die Windrichtung meistens von Westen (Richtung Pazifik), aber auch von Norden und Süden.

Uwe Richter

Iwate Maerz 2011

 

Lage in Yamada-machi (山田町)

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Fotos von Professor Wetzler (3. August 2011)

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Zerstörtes Industriegebiet von Yamada-machi 山田町

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Boot auf der Seemauer

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Kühlschrank im Baum (25 Meter über dem Strand)

 

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Schiff, etwa 1 Kilometer landeinwärts