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29. August 2013

Yamanote-Linie

山手線 Yamanote-sen
山の手線 Yamanote-sen (Berg + Genitiv + Hand + Linie)

Rush-hour in Ueno
(Foto: Wikimedia)

 

Tōkyōs größter Preisschlager wird dieses Jahr [1985] hundert Jahre alt. Für 120,- Yen bekommen Sie in Tōkyō keine Tasse Kaffee mehr, aber Sie können einen Sitzplatz — oder wenigstens einen Stehplatz— in der Yamanote-Linie bekommen, der Ringbahn, deren Zuge 34,5 km durch das Zentrum von Tōkyō fahren, von morgens früh bis abends spät, 365 Tage im Jahr. Für diesen Preis können Sie in den Zug einsteigen und drinbleiben, durch alle größeren Bahnhöfe fahren und nach einer Stunde wieder an Ihrem Ausgangspunkt aussteigen...

Hier gibt es das ganze Menschenleben ... oder wenigstens viel davon: Leute, die sich nur so treiben lassen, welche, die ein Nickerchen machen, Geschäftsleute, Babys, Breakdancers, die Betrunkenen und die Angeheiterten. Weil es nur wenige Taschendiebe gibt und weil die Züge 20einhalb Stunden immer rundherum fahren, ist die Yamanotelinie eine Zuflucht für Schlaftrunkene — aber alles Gute hört mal auf, wie dieser Schnapsbruder merkt, als ihm der Schaffner aus dem letzten Zug heraushilft.

Seit 22 Jahren sind alle Wagen erbsengrün gestrichen, aber auf Japanisch heißt das poetisch ‚nachtigallenfarben,‘ uguisu-iro [鶯色]. Auf der überwiegenden Strecke fährt diese Ringbahn überirdisch. Die Züge bilden eine grüne Schlange zwischen der immer stärker entwickelten Innenzone, wo die meisten Büros sind, und den großen Außenbezirken, die zum Wohnen dienen.

Dieses Jahr feiert die Yamanote-Linie ihren 100. Geburtstag, und dazu bekommt sie eine Verschönerung: Die Nachtigallen verschwinden, und neue silberne Wagen mit dünnen grünen Streifen (aus Anhänglichkeit) werden eingesetzt. Die alten Züge hatten eine belebende Farbe in der vorwiegend grauen Landschaft
Tōkyōs, und manche Leute werden ihnen nachtrauern.

Sonst ändert sich aber kaum etwas, vor allem bleibt die Route dieselbe. Die Yamanote-Linie ist besonders für Ausländer ein wahres Geschenk Gottes. Denn selbst wenn sie nicht dahin kommen, wohin sie eigentlich wollen, dann wissen sie, daß sie nie mehr als eine Stunde vom Weg abkommen, und schlimmstenfalls landen sie wieder dort, wo sie eingestiegen sind...

Tōkyō-Bahnhof
(Foto: Wikimedia)

Der Bahnhof von Tōkyō [東京駅 Tōkyō-eki], wo wir unsere Reise starten wollen, scheint der wichtigste Bahnhof der Strecke zu sein, aber tatsächlich kam er erst 1919 dazu. Damals wie heute ist hier das finanzielle und wirtschaftliche Zentrum der Stadt, und entsprechend kann man dunkelblaue Anzüge und strenge Gesichtsausdrücke der modernen Samurais hier beobachten.

Auf der Fahrt nach Norden kommen wir schnell nach Shitamachi
[下町], dem Herzen des alten Tōkyō, den niedrig gelegenen Teilen, die traditionell von Arbeitern, Künstlern, Kaufleuten und Handwerkern bewohnt wurden, aus deren Mitte die elegante Kultur der Edozeit entstand. Kanda [神田], die Haltestelle nördlich von Tōkyō, ist mitten in Shitamachi. Heutzutage gibts hier nichts Ansehnliches, aber in den ruhigen Gassen sind noch köstliche alte Restaurants versteckt. Kanda ist auch berühmt für seine Buchantiquariate, und vielleicht entdecken Sie einen Poeten oder Gelehrten, der mit seinem Furoshiki ([風呂敷] Tragetuch) voll von literarischen Schätzen hier in den Zug einsteigt.

Hundertwasser-Tragetuch
(Foto: Wikimedia)


Bei der nächsten Haltestelle steigen Menschen mit ganz anderen Lasten ein: schwere Kartons enthalten Fernsehapparate, Audio- und Videogeräte, elektrische Reiskocher usw. Denn das Gebiet um diese Station, Akihabara [秋葉原], ist das Einkäuferparadies der Welt für Elektrogeräte.

Auf diesem Teilabschnitt herrscht das kommerzielle Element vor, zwischen den nächsten beiden Haltestellen, Okachimachi
[御徒町] und Ueno [上野], erstreckt sich die Ameyoko, ‚American Alley‘, so nach dem Krieg genannt, als hier einer der großen Schwarzmärkte für Waren aus den PX Geschäften entstand. Es ist auch heute noch ein guter Platz, um billige Hardware einzukaufen.

In Ueno halten Sie Ausschau nach Leuten mit sonnenverbrannter Haut, Gold- und Silberzähnen und schwerem Gepäck! Hier ist der Bahnhof, auf dem die Bauern aus dem Norden in die Hauptstadt kommen, viele von ihnen mit dem neuen Shinkansen
[新幹線], der seit Frühjahr des Jahres hier in Ueno aufhört. Sie kommen aus vielen Gründen: um Gelegenheitsarbeit in den Wintermonaten zu finden, ihre erwachsenen Kinder zu besuchen, oder einfach nur, um die Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Mindestens eine Handvoll steigt hier in Ihren Zug ein.

Ihre elektrische Nachtigall fährt stur ihren Kreis über Ueno weiter, aber die Zahl der Passagiere nimmt jetzt bestimmt ab — wenn Sie bis jetzt noch keinen Sitzplatz hatten, dann bekommen Sie hier sicher einen — und der Charakter der Linie ändert sich jetzt etwas. Die nächsten Stationen wirken gar nicht mehr großstädtisch; hier scheint es eine proletarische Nebenlinie im Flachland zu sein. Ertragen Sie es: schon in Ikebukuro
[池袋] wird es wieder interessant!

Skyline von Ikebukuro
(Foto: Wikimedia)

Dies ist ein weiterer Ankunftsplatz, diesmal für die Bauern und Pendler aus der Saitama-Provinz [埼玉県 Saitama-ken]. Ikebukuro besitzt das höchste Gebäude und das größte Warenhaus des Landes. Und es ist ziemlich unverschämt und hochmütig, wie solche Errungenschaften ja auch erwarten lassen. Wenn hier ein Dandy mit einem ziselierten Bürstenhaarschnitt, knappem weißen Anzug und weißen Lackschuhen einsteigt, dann lassen Sie sich raten und versuchen Sie möglichst nicht, ihn scharf anzugucken. Er ist ziemlich sicher ein Mitglied einer hiesigen Yakuza [ヤクザ], einer Gangsterbande, die beileibe keine aussterbende Gattung ist.

Plötzlich kommen wir in die akademische Welt. Der nächste Bahnhof, Mejiro
[目白], ist bekannt durch die hier beheimatete Gakushuin, die frühere ‚Adelsschule‘, die Universität des Schriftstellers Mishima Yukio [三島由紀夫] und vieler andrer berühmter Leute. Und Takadanobaba [高田馬場], die nächste Station, ist der Bahnhof für die Waseda [早稲田大学 Waseda Daigaku], eine der berühmtesten privaten Universitäten des Landes. Hier stehen Sie wahrscheinlich Schulter an Schulter mit einigen Wasedastudenten.

Abschlussfeier der Waseda-Universität
(Foto: Wikimedia)


In gewissem Sinn ist Shinjuku
[新宿] der Höhepunkt unsrer Fahrt. Schon daran, daß der Zug hier so voll wird, merken Sie, daß dies der größte Bahnhof in Japan ist. Hier verkehren sieben öffentliche und private Linien, und der Bahnhof wird von über 2 Millionen Reisenden pro Tag benutzt. Wenn Sie gerade neu in Japan angekommen sind und gerne das Leben der Nation besonders intensiv erleben wollen, dann steigen Sie hier aus, am besten an einem Freitagabend gegen sechs oder sieben. Die Skifahrer, die Betrunkenen, die Leute, die Flugblätter verteilen, Gedichte verkaufen und Reden halten, Leute auffordern, kleine Papierkraniche zu machen, die Schuhputzerinnen, Nudelgeschäfte, die ungeheure Menge der Pendler... es ist eine einzige große Party, und Sie verirren sich sicher im Labyrinth der Tunnels der Station, aber Ihnen passiert nichts.

Doch jetzt bleiben Sie noch etwas im Zug. Fast jede Station nach Shinjuku hat irgendetwas, wofür sie berühmt ist, wir wollen uns aber nur den interessanteren zuwenden.

Musiker im Yoyogi-Park
(Foto: Wikimedia)

Harajuku [原宿]: Heimat der japanischen Mode und vieler der besten Boutiquen, Ort des größten Parks (Yoyogi [代々木]), wo sich sonntags die Teenager versammeln, um unter den Kameras von Touristen und Reportern den Tag zu vertanzen. Hier ist auch der Meiji-Schrein [明治神宮 Meiji Jingū], und neben dem eigentlichen Bahnhof gab es einen eigenen Bahnsteig, der nur vom Kaiser benutzt werden durfte.

    

Shibuya [渋谷], Meguro [目黒] und Gotanda [五反田] haben etwas gemeinsam: an jedem Bahnhof beginnt eine Privatbahn, die in die Vororte fährt und von der Tokyu Corporation [東京急行電鉄株式会社 Tōkyō Kyūkō Dentetsu Kabushiki-gaisha,] betrieben wird. Die Explosion der Grenzen von Tōkyō hat Firmen wie Tōkyū [東急] und ihrer Erzrivalin, Seibu [西武], viel zu verdanken. Sie begannen als Warenhäuser und bauten dann Bahnlinien, um die Kunden zu ihren Geschäften zu bringen. Das kann man besonders deutlich im Fall von Shibuya sehen, wo drei verschiedene Linien buchstäblich im Warenhaus landen. Die Tōyoko-Linie [東急東横線 Tōkyū Tōyoko-sen)], die zwischen Shibuya und Yokohama [横浜] verkehrt, fährt durch einige der besten und beliebtesten Wohnviertel am Stadtrand.

Monorail
(Foto: Wikimedia)

Hamamatsuchō [浜松町駅] ist bemerkenswert wegen seiner sicheren Monorail-Bahn [モノレール monorēru], die von diesem dichtbesiedelten Gebiet der Stadt zum früheren internationalen (nun hauptsächlich lokalen Flügen dienenden) Flughafen Haneda [羽田空港 Haneda Kūkō] führt.

Shimbashi
[新橋] ist zwei Stationen vor dem Ende unsrer Fahrt, aber wir machen einen kleinen Betrug und hören hier auf. Dafür haben wir eine historische Entschuldigung, denn dieser Bahnhof war einer der originalen Endbahnhöfe vor 100 Jahren, bevor der Ring geschlossen wurde. Es ist nicht nur einer der geschichtlich bedeutendsten Bahnhöfe, sondern sicher auch der glänzendste. Hier ist die Haltestelle für die Ginza [銀座], immer noch die eleganteste Straße zum Einkaufen und Essen.

Und hier existiert außerdem noch ein gängiges Geishaviertel. Wenn Sie großes Glück haben, dann können Sie noch einen Blick auf eine wirkliche Geisha [芸者] werfen und sehen, wie sie in einer echten Rikscha [人力車] von einem Appointment zum nächsten gefahren wird. Das erinnert Sie dann daran, wie es vor 100 Jahren war, bevor die Yamanote-Linie eröffnet wurde und es jedem möglich machte, Tōkyō innerhalb von einer Stunde zu meistern, wenn er das will.“
 
(Japan illustriert. Jg.12, Nr.3,1985. ISSN 0387-8643)

Ginza bei Nacht
(Foto: Wikimedia)

Die ringförmige Yamanote-Linie wurde zwischen 1885 und 1925 gebaut und verbindet die wichtigsten Stadtzentren Tōkyōs.

(Skizzen: Wikimedia)

Obwohl sie von vielen Menschen aufgrund ihrer Überfülltheit gehasst wird, ist die Yamanote-Line sogar Bestandteil des touristischen Programms von Tōkyō, denn da sie im Ring um die wichtigsten Stadtteile Tōkyōs fährt, ist sie die schnellste Möglichkeit zu den meisten Sehenswürdigkeiten zu gelangen. Sie fährt einmal im und einmal gegen den Urzeigersinn um Tōkyō herum. Die ganze Fahrt dauert hierbei 60 bis 65 Minuten.

Fast jeder dieser Bahnhöfe hat eine eigene Erkennungsmelodie, wobei sich manche sogar darin unterscheiden, ob die Zügen im Uhrzeigersinn oder gegen den Urzeigersinn fahren.

Die Yamanote Line ist so bekannt, dass es sogar ein eigenes Videospiel gibt, in dem man einen Zugführer spielt der pünktlich an allen Bahnhöfen halten muss.“

2005 fuhren im Durchschnitt täglich 3,5 Millionen Fahrgäste allein mit dieser Linie, etwa so viel, wie der komplette Berliner Nahverkehr.

Markenzeichen der Yamanote-Linie ist ein helles Grün. Selbst die Farbgebung der Bahnsteige orientiert sich teilweise an diesem Grün.

 

auf Schienen und Gleisen
Abfahrtsmelodie 発車メロデ - Bahnhof Shinjuku 新宿駅 - chinesische Eisenbahn 中国铁路 - Lhasa-Bahn 青藏铁路 - Pekinger Westbahnhof 北京西客站 - Pusher 押し屋 - Shinkansen 新幹線 - Tan-Sam-Bahn 坦赞铁路 - Transrapid 磁怬浮列车 - Yamanote-Linie  山手線

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