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03. Februar 2010

Vierhundert Millionen Kunden

四萬萬顧客 Sìwànwàn gùkè (vier + zehntausend + zehntausend + Kunden)
Orginaltitel: 400 Million Customers
1937
Autor: Carl Crow (克勞 Kèláo)

Der sehr heikle Kunde

(Wie verkauft man Hamburger Hufeisen nach China?)

„Der Verkauf von Hamburger Hufeisen ist ein sehr interessantes und belehrendes Beispiel für die Art, wie die Chinesen sich über die Vorzüge einer Ware ihre eigene Meinung bilden, von der man sie dann nicht mehr abbringen kann. Von Zeit zu Zeit hat man früher fast jede erdenkliche Art von Waren nach China gesandt, lediglich auf die ungewisse Aussicht hin, daß irgend jemand Verwendung dafür finden und daß man auf solche Art einen Markt aufbauen könnte. In den Zeiten, da die Segelschiffe halb leer einliefen und voll mit Tee und anderen chinesischen Waren zurückkehrten, war jede Ladung, die einen entsprechenden Ballast darstellte, willkommen und wurde kostenlos oder zu sehr niederen Sätzen verfrachtet. Unter den sonderbaren Gegenständen, die zu jener Zeit nach China kamen, war auch eine Schiffsladung alter Hufeisen aus Hamburg   Hufeisen, die schon so dünn geworden waren, daß man sie nicht mehr verwenden konnte. Der Absender hoffte, sie noch irgendwie verwerten zu können, obwohl er sich kaum im klaren war, wofür. Er wußte nur, daß die chinesischen Schmiede aus jedem möglichen Alteisen noch manche brauchbare Dinge hämmern konnten, und hoffte, sie würden dies auch mit den Hufeisen tun. Diese Erwartung war ziemlich vernünftig, denn die Gewandtheit und Findigkeit des chinesischen Schmiedes könnte den Neid seiner Berufsgenossen in allen anderen Teilen der Welt erwecken. Die Hoffnungen, die jener Mann auf seine Hufeisen gesetzt hatte, rechtfertigten sich bald, denn die Schmiede entdeckten, daß diese abgelegten Hufeisen, wenn man sie in zwei Teile schnitt, ein ideales Material für die Erzeugung chinesischer Rasiermesser ergaben, die in Wirklichkeit nichts anderes sind als sehr fein geschliffene Messer mit dickem und gebogenem Rücken. Bald herrschte große und ständige Nachfrage nach diesen Rasiermessern, und Hamburger Hufeisen wurden ein wesentlicher Bestandteil des chinesischen Marktes.
 

Nun hatten in vielen anderen Städten Alteisenhändler große Mengen von alten Hufeisen, die sie gerne losbekommen hätten, und bald wurden die Hufeisen von New York, Liverpool, Paris und vielen anderen Orten nach China verschickt. Aber die chinesischen Schmiede lehnten es einmütig ab, solchen Ersatz zu kaufen. Sie behaupteten, die Größe und das Gewicht der deutschen Zugpferde und das tägliche Abschleifen der Hufeisen auf dem Granitpflaster Hamburgs gebe dem Eisen den Schliff, der gerade für die Erzeugung von Rasiermessern notwendig und in keiner anderen Stadt gleichwertig sei. Hamburg wurde so zum Weltzentrum für alte Hufeisen, und wenn diese nicht von Hamburg aus verschickt wurden, fanden sie keinen Absatz. Am Ende langten in Hamburg die Hufeisen der ganzen Welt ein und wurden von dort nach China verhandelt. Die Tatsache, daß Pariser oder New Yorker Hufeisen in Hamburger Verpackung die volle Zufriedenheit der chinesischen Schmiede erweckten, beweist vielleicht, daß jene Theorie über die Eigenschaften des Hamburger Pflasters keinerlei Grundlage hatte, dennoch war es typisch für die Chinesen, daß sie wirklich oder vermeintlich in den Hufeisen einer bestimmten Stadt eine besondere Qualität entdeckten, die diese Hufeisen über die aller anderen Städte stellte, und daß sie dann starr an dieser Überzeugung festhielten.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich diese Stellung der Hufeisen geändert. Bald nachdem die republikanische Revolution dazu führte, daß Millionen von Zöpfen abgeschnitten wurden, was das Rasieren zu einem ernsteren Geschäft machte, als es bisher gewesen war, gründete ein unternehmungslustiger Chinese, der in San Francisco gelebt hatte, in Shanghai einen modernen Rasierladen mit verstellbaren Liegestühlen und einem Schild, das aussah wie eine ungeheuere Zuckerstange. Früher hatten die Barbiere in China ihr Werkzeug mit sich getragen. Sie rasierten einen reichen Kunden in der Abgeschlossenheit seiner Höfe oder schlugen auf dem Pflaster der Straße ihren Stand auf, um dort den Bedarf der Bescheideneren zu befriedigen. Die Kosten für die Ladenmiete machten es den moderneren Friseuren zur Notwendigkeit, höhere Preise zu berechnen, und darum suchten sie als gute Geschäftsleute dem Kunden mehr zu bieten. Sie wuschen ihm sogar den Seifenschaum vom Gesicht, statt dies dem Kunden zu überlassen, wie es die gute alte Sitte gewesen war. Sie gaben sogar das primitive, aber wirksame chinesische Rasiermesser auf und kauften Sheffielder Rasiermesser, die in Japan erzeugt worden waren. Dies war ein ernster Schlag für die chinesischen Rasiermessererzeuger, und darum begannen sie, aus den alten Hufeisen Messer und Haken und Hauen zu erzeugen. Das Hamburger Hufeisen hatte gerade die richtige Größe für Rasiermesser gehabt, war aber für die neuen Verwendungen ein wenig zu klein.

Da entdeckte man, daß die Zugpferde in Liverpool, besonders jene, die den Bierwagen der Brauereien soviel Anmut und Majestät verleihen, viel größere Hufeisen hatten, und darum ist jetzt Liverpool das Weltzentrum für den Handel mit alten Hufeisen. Hamburg ist jetzt nicht mehr der Beherrscher des Marktes. Alteisenhändler, die ein größeres Lager an Liverpooler Hufeisen haben, behaupten, daß die Hamburger Hufeisen ihre früheren Vorzüge deshalb verloren hätten, weil die Straßen Hamburgs, mit Ausnahme einiger weniger an der Waterkant, nicht mehr mit Granit gepflastert seien."
(Zitiert aus Carl Crow: „Vierhundert Millionen Kunden". Paul Zsolnay Verlag, Berlin Wien Leipzig, 1937)

 

Der US-amerikanische Journalist Carl Crow (1884 - 1945) kam im Jahr 1911 nach Shanghai. Er eröffnete dort die erste westliche Werbeagentur und schrieb mehrere Bücher über China.

Sein Buch „400 Million Customers" („400 Millionen Kunden") lockte eine große Anzahl von Geschäftsleuten auf den chinesischen Markt.

Im ersten Kapitel mit der Überschrift „Der sehr heikle Kunde" schreibt Crow über den Verkauf Hamburger Hufeisen nach China.

 

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