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0621-5203-423

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14. November 2013

Tausend-Meilen-Pferd

千里馬 qiānlǐmǎ (tausend + Meile + Pferd)
천리마 cheollima


Liú Zheng war ein braver Mann, klug und an ein hartes Leben gewöhnt. Trotzdem ging es ihm immer schlechter. Darüber geriet er mit seiner Frau in Streit. Liú ging hinters Haus, legte sich unter einem Baum und überlegte hin und her, wie dieses Hungerjahr zu überstehen sei. Schließlich kam ihm sein Schwiegervater in den Sinn. Der war ein reicher und geiziger Großgrundbesitzer. Seine Tochter hatte er Liú Zheng zur Frau gegeben, als er noch nicht reich war. Später, als es Liú schlechter ging, pflegte er keinen Umgang mehr mit ihm.

Liú Zheng aber hatte seinen Stolz, er dachte nie daran, sich von seinem reichen Schwiegervater Geld zu leihen, und hatte keinen Kontakt zu ihm. Erst als er wirklich keinen Ausweg mehr sah, erinnerte er sich an seinen reichen Schwiegervater.
Als sein Plan feststand ging.

Er ging wohlgemut zurück ins Haus und verkündete: „Frau, ich geh mit dir deine Familie besuchen!"

Seine Frau wunderte sich sehr über den Vorschlag und erwiderte: „Mein Vater mag doch nur reiche Leute leiden. Glaubst du, er wird uns helfen?"

„Wer verlangt denn Hilfe von ihm? Ich leihe mir das Pferd, das Nachbar Wang gestern gekauft hat, dann sind wir im Nu dort. Freilich müssen wir die Sache gut besprechen. Wir besuchen deinen Vater nicht, um Geld zu borgen, und du darfst ihm auch nicht erzählen, dass wir nichts mehr zu essen haben. Wenn er dich ausfragt, dann richte dich mit deinen Antworten ganz nach mir. Jenes Pferd zum Beispiel, da sagst du, ich hätte es gestern erst gekauft. Jetzt schnür dein Bündel, ich gehe das Pferd leihen."

Noch in der Morgendämmerung brachen sie auf. Der Klepper, den sich Liú geliehen hatte, war so mager, dass er nur noch aus Haut und Knochen bestand. Auch ging das Pferd kaum schneller als ein Ochse. Liú ließ seine Frau vorne ziehen, während er selbst das Tier von hinten mit einem Ast piekte. Das rannte der alte Gaul los und es dauerte nicht lange, bis sie am Dorf des Schwiegervaters angekommen waren. Nun erst ließ er seine Frau aufsitzen, er selbst ging hinterher. Während seine Frau das Pferd bestieg, versteckte er ihr Bündel am Wegrand.

„Ah, welcher Wind hat euch hierher geweht?" begrüßte ihn sein Schwiegervater unwillig.

„Oh je", tat nun Liú überrascht seiner Frau gegenüber, „wie konntest du nur dein Bündel vergessen?"

„Ihr kehrt doch ohnehin morgen zurück", meinte da der Schwiegervater.

„Nein, ich hole es gleich", meinte Liú Zheng.

„Jetzt in der Dunkelheit?"

„Ja, das macht nichts. Unser Pferd ist kein gewöhnliches Pferd, es dauert nur einen Augenblick."

„Ja, Vater, er hat es gestern erst gekauft. Es ist ein Tausend-Meilen-Pferd. Man sagt: ‚Tausend Meilen rennt es am Tag, gut achthundert in der Nacht.'"

„Wirklich? Mach einmal eine Probe!"

Der Alte war zwar ein Geizhals, aber Pferde liebte er über alles, und für sie gab er eine Menge Geld aus.

Liú saß auf und ritt davon. Ein Sprichwort sagt: „Auf dem Heimweg braucht kein Pferd die Peitsche.“ So fing der alte Klepper in der Meinung, es ginge nach Hause, an zu galoppieren.

Liú holte das Bündel und ritt ins Dorf zurück. Der Schwiegervater sprach: „Das ist wahrhaftig ein Tausend-Meilen-Pferd. Fünfzig Meilen im Nu hin und zurück, das gibt es selten auf der Welt."

„Du weißt doch, Schwiegervater“, sagte Liú dass die mongolischen Tempelpferde die berühmtesten im Land sind. Und doch besteht zwischen ihnen und diesem Pferd ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde."

„Wie das?" fragte der Schwiegervater neugierig.

„Du weißt doch, dass jedes Pferd von einem anderen Pferd abstammt. Dieses Pferd aber ist von keinem Pferd geboren worden", sagte Liú voller Stolz.

„Aber wie ist es dann zur Welt gekommen?" fragte der Alte verwundert.

„Eine Kreuzung zwischen Pferd und Esel nennt man ein Maultier. Wenn man ein Maultier mit einem Hirsch kreuzt, wird ein Zang geboren, und die Zang legen Eier, aus denen, wenn sie ausgebrütet sind, Tausend-Meilen-Pferde schlüpfen."

„Und wie hast du ihn bekommen?" erkundigte sich der Schwiegervater.

„Als ich letztes Mal zum Pferdehandel in die Mongolei reiste, lernte ich einen Lama-Priester kennen, der hatte ein Zang. Ach, das Tier hättest du sehen müssen - ein Wundertier. Ich verhandelte mit dem Lama-Priester darüber, ob er es mir nicht überlassen könne. Doch für ein Tier verlangte er so viel, wie man sonst für vierzig bezahlt. Als mir das zu teuer war, sagte er, er hätte noch ein Ei, ich solle doch das Ei kaufen und es von meiner Frau ausbrüten lassen. Doch ich hatte nicht den Mut dazu. Zuletzt gab ich mir einen Ruck und kaufte doch das Pferd. Tags darauf ritt ich los und als es dunkel wurde, überquerten wir schon die Grenze. Meine Gefährten brauchen zwei Monate, bis sie zurückkamen."

„Aber ist dein Pferd nicht etwas mager."

„Aber Schwiegervater, weißt du nicht, dass Zauberpferde so mager sind, dass die Knochen nur von der Haut zusammengehalten werden?"

„Kannst du mir dieses Pferd nicht abtreten?"

„Das könnte ich wohl, aber ich habe es erst vor kurzem gekauft und möchte noch meine Freude an ihm haben. Wenn du willst, kann ich für dich ein Ei zum Ausbrüten kaufen. Das ist für mich nur eine Reise von sechs oder sieben Tagen."

„Wieviel Geld brauchst du?"

„Nichts, meine Geschäfte gehen gut, da kann ich das Geld für ein Tausend-Meilen-Pferd-Ei schon noch zusammenbringen!"

„Nein, das geht nicht. Ich mache dir so viel Mühe, da kann ich nicht auch noch verlangen, dass du das Geld aufbringst", beharrte sein Schwiegervater. Eilends holte er acht Silberbarren und legte sie mit den Worten auf den Tisch: „Nimm fürs erste einmal diese achthundert Unzen Silber. Sollte das nicht ausreichen, ersetze ich dir den Rest, wenn du zurückkommst. Aber du musst auf alle Fälle ein gutes Ei auswählen."

„Das brauchst du mir nicht zu sagen, ich kenne mich aus in dem Geschäft."

Am nächsten Tag packte Liú die achthundert Unzen Silber ein und kehrte nach Hause zurück. Unterwegs fragte ihn seine Frau, wie er das Spiel nun weiterspielen wolle.

„Wenn es brenzlig wird, kommen einem immer die besten Ideen," antwortete Liú, „mach dir keine Sorgen!"

Zuhause angelangt, konnte Liú nicht nur die eigenen Nöte beheben, sondern auch noch seinen Nachbarn unter die Arme greifen. Nach ein paar Tagen fiel ihm aber ein, dass er nun wohl für seinen Schwiegervater das Ei kaufen müsse. Er ging in den Straßen auf und ab und grübelte. Da sah er einen Melonenverkäufer. Plötzlich hatte er einen Plan. Liú Zheng wählte zwei Früchte. Danach kaufte er Watte, packte die Melonen damit und und brachte sie seinem Schwiegervater, dem er abermals ein Lügenmärchen auftischte: „Ich habe den doppelten Betrag gegeben und zwei gekauft. Wenn ich nicht mit dem Lama-Priester befreundet gewesen wäre, hätte er sie mir nicht gegeben. Lass nun meine Schwiegermutter die Eier ausbrüten. Wenn jemand anders die Eier verdürbe - das wäre doch ein Jammer. Ich habe keine Zeit, die Reise noch einmal zu machen."

Nun wurde Liús Schwiegermutter gebeten, auf dem heißen Kang die Tausend-Meilen-Pferde auszubrüten. Liú ergatterte wieder ein paar Unzen Silber von seinem Schwiegervater und schärfte seiner Schwiegermutter ein: „Wenn neunundvierzig Tage um sind, ist es genug. Dann könnt ihr mich wieder rufen."

Ein heißer Sommer ging vorüber, und die Schwiegermutter musste Qualen ertragen. Nachdem sie sechsundvierzig Tage überstanden hatte, hielt sie es nicht mehr aus und bat ihren Mann: „Es fehlen jetzt nur noch drei oder vier Tage. Die Fohlen werden wohl schon ihre endgültige Gestalt haben. Ich meine, wir sollten sie jetzt zu unserem Schwiegersohn bringen und ihn fragen. Er soll ein Auge auf sie haben, und wenn wir drei oder vier Tage in seinem Haus gewartet haben, bis sie ausgeschlüpft sind, dann können wir ihn bitten, sie zu zähmen."

Die beiden wickelten also die Eier in eine Daunendecke und machten sich auf den Weg. Liú Zheng war gerade an diesem Tag der Gedanke gekommen, seine Schwiegereltern zu besuchen. Er befürchtete, die Schwiegereltern könnten die Melonen öffnen um nachzusehen. Dann wäre alles herausgekommen. So traf man sich auf halbem Weg.

Als ihn seine Schwiegermutter erblickte, rannte sie auf ihm zu, stolperte über einen Stein und zerbrach im Fallen die Melonen. Nun drang rötlicher Saft durch die Watte.

Wie es der Zufall wollte, sprang ein weißer Hase erschrocken auf und rannte davon. Liú rief „Rasch, gebt mir einen Strick, die Tausend-Meilen-Fohlen laufen davon!“ Und rannte hinterher. Nach einer Weile war der Hase verschwunden. Liú kam schnaufend zurück und fragte ärgerlich: „Wer hat euch geheißen wegzugehen? Gerade wollte ich bei euch nach dem Rechten sehen. Jetzt war die ganze Mühe umsonst. Schau doch, wie schnell schon diese Fohlen laufen konnten. Ach, meine Tausend-Meilen-Pferde ..."

Dem Schwiegervater kamen - die Tränen. Liú Zheng aber lachte in sich hinein.

(Chinablätter vom November 1984. Die Tausend-Meilen-Renner - Eine Geschichte aus der Provinz Shaanxi. ISBN: 3-88576-005-3)

Ch’ŏllima

Das Tausend-Meilen-Pferd ist heute noch ein Begriff. So nennt sich das nordkoreanische Fußballnationalteam der Frauen hat den Beinamen Tausend-Meilen-Pferd (천리마 / 千里馬 Ch’ŏllima / Tschollima), denn in Nordkorea wurde Ch’ŏllima nach dem Koreakrieg zum Symbol des Wiederaufbaus. Es wurde die Ch’ŏllima-Bewegung ins Leben gerufen, ein Gegenstück zum Großen Sprung nach vorne (大跃进 Dàyuèjìn) in China.

In Pjöngjang wurde 1961 anläßlich des 49. Geburtstages Kim Il-sungs eine 46 Meter hohe Ch'ŏllima-Statue eingeweiht. Auch die erste Linie der Metro Pjöngjang ist nach Ch’ŏllima benannt. Ihre Stationen haben folgende bezeichnenden Namen: Puhŭng (復興 = Wiederauferstehung), Yŏnggwang (榮光 = Blühendes Licht), Ponghwa (烽火 = Signalfeuer), Sŭngli (勝利 = Sieg), Tongil (統一 = Wiedervereinigung), Kaesŏn (凱旋 = Triumphale Wiederkunft), Chŏnu (戰友 = Kriegsfreund), und Pulgŭnbyŏl (붉은별 = Roter Stern).

천마도장니 / 天馬圖障泥
Cheonmadojangni
Abbildung aus der koreanischen Silla-Dynastie
(Bild: Wikimedia)
천리마동상
Ch’ŏllima Dongsang
Ch'ŏllima-Statue
(DDR-Briefmarke)

 

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