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08. Dezember 2012

Siegel

印章 yìnzhāng

印鑑 inkan

„An einem besonders heißen Tag bat ich meinen Lehrer, sich mit einer Unterhaltung zu begnügen, worauf er gerne einging.
‚Über welches Thema wollen wir denn sprechen?’ fragte ich ihn.
Indem mein Lehrer sich mit dem Fächer fächelte und sein Gesicht ab und zu mit einem heißen und feuchten Handtuch abwischte, sagte er: ‚Es ist doch gut, Kaiser zu sein!’
‚Nicht immer Herr Lehrer’, erwiderte ich. ‚Ein Kaiser hat Glück, sein Land blüht und er braucht keinen Krieg zu führen. Mit anderen ist es umgekehrt. Der Kaiser von Rußland hatte, zum Beispiel, wenig Glück gehabt: den Krieg mit Japan hat er verloren, und dann brach eine Revolution aus. Das alles ist doch nicht besonders gut.’
‚Nein, nein!’ meinte mein Lehrer. ‚Ich behaupte, daß es gut ist, Kaiser zu sein!’
‚Sie werden doch nicht leugnen, Herr Lehrer, daß das Leben verschiedener Kaiser sich verschieden gestaltet...’
‚Welche Kaiser meinen Sie’ unterbrach mich mein Lehrer.
‚Zum Beispiel den deutschen, russischen oder österreichischen.’
‚Das sind doch keine Kaiser’, sagte lächelnd mein Lehrer, ‚Ich meine ja den richtigen Kaiser, also den chinesischen.’
‚Warum glauben Sie denn, daß es nur in China einen richtigen Kaiser gibt?’ fragte ich ihn.
‚Weil unser Kaiser das Siegel hat’, antwortete mein Lehrer.
‚Die anderen Kaiser haben ja auch Siegel’, entgegnete ich.
‚Gefälschte!!’ versuchte mein Lehrer mich zu überzeugen.
Darauf wußte ich nichts zu erwidern. Ich wunderte mich, so etwas von einem gebildeten Chinesen zu hören und schwieg.
Da erzählte mir mein Lehrer eine Geschichte. Im Altertum zerfiel China mehrmals in einzelne Fürstentümer und vereinigte sich dann wieder unter der Herrschaft eines Kaisers. Der Herrscher des mittleren Staates, der auf chinesisch ‚Zhōngguó’
[中國] heißt, hatte den Kaisertitel - ‚Huángdì’ [皇帝], die Fürsten der äußeren Staaten, auf chinesisch ‚wàiguó’ [外國], hießen ‚guówáng’ [國王], was dem Königstitel entspricht. Die Macht des Kaisers über die Könige war oft rein nominell, denn einige von diesen äußeren Staaten führten zahlreiche Kriege mit Nomaden, hatten deshalb geübte Heere und bildeten zuweilen eine große Gefahr für den Kaiserstaat. Der Kaiser aber besaß ein Jaspissiegel, dem man eine wunderbare Herkunft zuschreibt. Die Sage behauptet, daß derjenige, der sich des Kaisersiegels bemächtigt, früher oder später Kaiser von China wird.
Vor ein paar tausend Jahren bekam einer der Kaiser einen glänzenden Einfall: statt sich mit einigen Königen gegen die anderen zu verbünden, ließ er einen geschickten Schnitzer zu sich kommen und bestellte bei ihm 12 genaue Kopien des Kaisersiegels. Dann stellte er sich krank, ließ alle Könige nacheinander zu sich kommen und sagte jedem ungefähr folgendes:
‚Ich bin alt und krank und werde sicher bald sterben. Alle meine Söhne sind dumm und verwöhnt. Ich sehe, dass du von allen Königen der klügste und in der Kriegskunst der Geschickteste bist. Deshalb habe ich beschlossen, dich zu meinem Nachfolger zu machen. Damit jedoch keiner von den anderen Königen sich meines Reiches während meiner letzten Jahre bemächtigen könnte, musst du mir helfen, indem du mir auf die kurze Zeit bis zu meinem Tode einen Teil deines Landes und deines Heeres abtrittst. Dafür aber überreiche ich dir schon jetzt das Kaisersiegel. Selbstverständlich muß das alles ein Geheimnis bleiben.’
Alle Könige gingen mit Freude darauf ein. Der Kaiser aber wurde dadurch so mächtig, daß er alle Fürstentümer besetzte. Die Könige flohen mit ihren Siegeln in die weite Welt, gründeten neue Staaten und jeder hoffte, früher oder später Kaiser von China zu werden.
Mein Lehrer, der niemals Weltgeschichte studiert hatte, war der Ansicht, dass alle fremden Länder, die in China noch jetzt ‚waiguo’ also ‚Außenstaaten’ genannt werden, von diesen aus China geflohenen Fürsten begründet worden sind. Deshalb könnten sie im besten Falle den Königstitel beanspruchen. Wenn einige von ihnen sich ‚Kaiser’ nennen, so ist dies ein Irrtum, da ja ihre Siegel gefälscht sind.“

(Eugen Gregory: Dreißig Jahre unter Chinesen - Ein Europäer erlebt Reich der Mitte. 1953; S. 46ff)
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Oberseite eines Siegels Unterseite eines Siegels Abdruck eines Siegels
 
siegel-hanko
Japanische Namenssiegel
 

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