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05. Dezember 2012

Füßebinden

纏足 chánzú (wickeln + Fuß)

fuessebinden

Röntgenbild und Fotografien der entstellten Füße

 

„Die Folklore enthält zahllose Klagelieder von Mädchen, denen ihre Jugend geraubt wurde, von Frauen, denen ihre verkrüppelten Füße zur Fessel geworden waren, die ihnen endgültig den Weg aus dem Kerker ihres Hauses verwehrte. Aber weder Gedichte und Klagen noch Aufrufe oder kaiserliche Verordnungen können mit dieser wuchernden Elementargewalt fertig werden, und ich sehe überall und immer wieder das gleiche fürchterliche, aber schon gewohnte Bild: durch Schlamm und Sand stakende Bäuerinnen, die dazu noch Lasten auf ihren Schultern tragen, und - was das allerschlimmste ist eben erst verkrüppelte kleine Mädchen, die still abseits sitzen, wenn andere Kinder umhertollen.“
(V. M. Alekseev: China im Jahre 1907. Ein Reisetagebuch. 1989)

Es widert einen an, wenn man liest, auf welche Art die Mädchen für ein perverses Schönheitsideal gequält wurden. Den meisten Mädchen wurden die Füße im Alter von fünf bis acht Jahren von der Mutter oder der Großmutter abgebunden. Die Fußknochen wurden mit einem Stein gebrochen. Der Fuß wurde dann so eng mit Bandagen umschlungen, dass er zum Klumpfuß verformt wurde. Mit Ausnahme der großen Zehe wurden alle Zehen gebrochen und unter die Fußsohle gebogen. Häufig kam es nach dieser Prozedur zu Fäulnisprozessen, die teilweise gefördert wurden, um das Absterben des Fußes zu erzwingen und somit späteren Schmerzen vorzubeugen.

In ihrem Buch „Wilde Schwäne“ (鴻•三代中國女人的故事 Hóng - sāndài Zhōngguó nǚrén de gùshi) erzählt die Autorin Jung Chang (張戎 Zhāng Róng) von der Prozedur:

„Die Füße meiner Großmutter wurden gebunden, als sie gerade drei Jahre alt war. Ihre Mutter hatte zuerst ein Stoffband von sechs Metern Länge so um ihre Füße gewickelt, dass alle vier kleinen Zehen in Richtung Ballen zeigten. Dann legte sie einen großen Stein auf ihre Füße und zerschmetterte den Fußrücken. Meine Großmutter schrie vor Schmerzen laut auf und flehte ihre Mutter an, aufzuhören. Ihre Mutter stopfte ihr ein Tuch in den Mund, um sie zum Schweigen zu bringen. Meine Großmutter verlor während der Prozedur mehrmals das Bewusstsein.

Es dauerte Jahre, bis das Schönheitsideal erreicht war. Nachdem die Knochen gebrochen waren, mussten die Füße Tag und Nacht fest mit Tüchern gebunden werden, bis sichergestellt war, dass sie nicht mehr zusammenwachsen würden. Hätte man die Tücher gelöst, wären die Füße sofort weiter gewachsen. Über Jahre hinweg litt meine Großmutter ständig furchtbarste Schmerzen. Aber wenn sie ihre Mutter bat, sie möge doch die Tücher von den Füßen nehmen, fing ihre Mutter an zu weinen. Sie sagte ihrer Tochter, dass ohne gebundene Füße ihr Leben ruiniert sei und dass dies alles ja nur zu ihrem Besten geschehe.

In der damaligen Zeit inspizierte die Familie des Bräutigams als erstes die Füße der Braut. Große, das heißt normale Füße brachten Schande über die Familie des Ehemannes. Die Schwiegermutter hob den Saum des langen Rocks der Braut hoch und sah sich die Füße der Schwiegertochter genau an. Wenn die Füße länger als ungefähr zehn Zentimeter waren, ließ sie den Rocksaum in einer demonstrativen Geste der Verachtung fallen und schnaubte wütend davon. Die Braut blieb allein den kritischen Blicken der Hochzeitsgesellschaft ausgesetzt. Alle starrten ihre Füße an und taten ihre Verachtung lautstark und in betont verletzender und abschätziger Weise kund. Manchmal entfernte eine Mutter aus Mitleid mit ihrer Tochter den Stein oder die Tücher, nachdem die Fußknochen gebrochen waren. Später machten die Töchter ihren Müttern bittere Vorwürfe, dass sie nicht hart geblieben waren, weil sie das ständige Nörgeln und die Verachtung der Familie ihres Mannes und der Gesellschaft kaum aushielten.“
(Jung Chang: Wilde Schwäne, S. 17f.)


glücklicherweise ausgestorbene Bräuche
Füßebinden 纏足 - Kang 木枷 - Kotau 叩頭 - Zopf 辮子

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