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05. Dezember 2012

Fünf Beziehungen

五倫 wǔlún (fünf + Beziehungen)

„Kurz nachdem mir mein ChinesischIehrer das Wort für ‚Guten Tag!‘ – [你好] nǐ hǎo – beigebracht hatte, lernte ich bereits das Wort guānxi [关系]. ‚Dieses Wort ist wichtig, das müssen Sie behalten, wenn Sie wissen wollen, wie China funktioniert’, orakelte der Lehrer. Ich folgte dem Rat, schließlich soll man den Lehrer ehren, und in China ganz besonders. Was sich hinter diesem ‚Zauberwort’ verbirgt, wird erst deutlich, wenn man seine Geschichte betrachtet. Die ist, wie vieles in China, über 2000 Jahre alt und eng verknüpft mit der konfuzianischen ‚Lehre der fünf Beziehungen’ (wǔlún). Nach der Lehre des Meisters Konfuzius ist jeder ‚edle Mensch fünf Beziehungen zu seinen Mitmenschen eingebunden. Diese treffen: Vater und Sohn, Herrscher und Untertan, Ehemann und Ehefrau, älteren Bruder und jüngeren Bruder, Freund und Freund.

Diese fünf Beziehungen machen den Menschen ‚edel’ und zum sozialen Wesen. Sie dienen der Absicherung des Individuen in einer Gesellschaft, die bis heute, abgesehen von einer sehr kurzen ‚kommunistischen Phase’, niemals auf die Sicherheit eines Wohlfahrtsstaates vertrauen konnte. Sie dienen aber auch der sozialen Stabilität des ‚Reiches’, denn nur wenn das Individuum, feste Beziehungen eingebunden ist, wird es ‚berechenbar’ und ‚funktioniert’ zum Wohle der gesamtgesellschaftlichen Stabilität. Das ist in der praktischen chinesischen Politik wichtiger als Verfassung und Gesetze.

Das Handeln des Einzelnen wird festgelegt durch ein Wechselspiel von Geben und Nehmen, das Chinesen als rénqíng
[人情] bezeichnen. Rénqíng bedeutet wörtlich ‚menschliche Gefühle haben Gefühle können beim Geben oder Nehmen durchaus eine Roll spielen. Wichtig aber ist das Wechselspiel: Der Chef gibt Gehalt, Prämien und Einbindung und nimmt dafür Arbeitskraft, Können und Loyalität des Mitarbeiters entgegen. Die Beziehung zum Chef ist die politische Dimension im Leben eines ganz normalen Rénqíng. Sie stellt die moderne Variante der alten Beziehung zwischen Herrscher und Untertan dar.

Den Staat und dessen Führung kann man dabei getrost vernachlässigen, denn im Unterschied zu den Zeiten des Konfuzius, wo der politische Herrscher die wichtigste Rolle im Geflecht der sozialen Beziehungen einnahm, steht dieser im modernen China nur an zweiter Stelle. ‚L'etat c'est moi’ (‚Der. Staat bin ich’) - diesen berühmten Spruch des französischen Sonnenkönigs kann sich heute ein chinesischer lǎobǎn
[老板], ein Firmenchef, viel eher als der Präsident des Staates zu eigen machen. Der Wirtschaftsboss hat in der modernen Gesellschaft Chinas das Zepter des politischen Herrschers übernommen. Er ist uneingeschränkte Autorität, die sich nicht mit Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern herumschlagen muss. Dem Chef ist der Mitarbeiter verpflichtet - und das ist fast jeder Erwachsene einer chinesischen Stadt, denn Männer und Frauen tragen gleichermaßen zum Familieneinkommen bei. Dafür ist der Chef zur Sorge gegenüber seinem Mitarbeiter verpflichtet. …

Die nächste Beziehungsebene ist die der Familie, zu der gleich wieder fünf grundlegenden Beziehungen gehören: die zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Eltern und Kinder, zwischen den Geschwistern. Viele halten diese Ebene daher für das zentrale Element der chinesischen Gesellschaft, weil gerade traditionelle chinesische Unternehmen in Hongkong oder Taiwan Clan-Strukturen aufweisen. ... Familie bedeutet auf dem Festland meist Familie in dem uns vertrauten Sinne der Kleinfamilie.

Das Verhältnis von Ehemann und Ehefrau beinhaltete ursprünglich finanzielle und soziale Sicherheit für die Frau. Der Mann erhielt dafür täglich Nahrung und Zuneigung, nicht selten begleitet von einer Art ‚Gehorsam’. Heute trägt die Frau genauso zur finanziellen Absicherung der Familie bei wie der Mann. ...

Auch die von Konfuzius hervorgehobene Vater-Sohn-Beziehung findet im modernen China noch ihre Entsprechung, allerdings ergänzt durch die zunehmend wichtigere Vater-Tochter-Beziehung, denn entgegen der alten, ländlichen Tradition, unbedingt Söhne haben zu wollen, wünschen sich mehr und mehr Städter ein hübsch anzusehendes Mädchen. Söhne und Töchter sind der Mittelpunkt der Familie, gleichsam die innerste der inneren Beziehungen. … Das Leben des Nachwuchses ist teuer. Mehr als ein Kind kann man sich oft gar nicht leiste was im kostspieligen Shanghai die Ein-Kind-Politik schon fast überflüssig gemacht hat... Seine alte Mutter hat ein Zimmer in dem geräumigen; 180 Quadratmeter großen Reihenhaus am Rande der Stadt, das. der Familie gehört. Niemals würde er die Mutter in eines dieser neuen Altenheime ziehen lassen. Das wäre ein Bruch mit der Pietät, und er würde sein Gesicht verlieren, sein Ansehen in der Nachbarschaft und im Freundeskreis. So ist die Mutter versorgt und hat mit ihrem Ersparten schließlich selbst auch zum Erwerb des Reihenhauses beigetragen. Geben und Nehmen bestimmt die Beziehungen auch in der Familie.

Die letzte der drei familiären Beziehungen beginnt auszusterben. Und jüngere Brüder (oder Schwestern) gibt es noch in der Generation Ingenieur Lius und meines Schwagers. Doch bereits nächsten Generation der nach 1981 Geborenen … wird das anders sein. In Ermangelung leiblicher Brüder und Schwestern sind viele baixing
[百姓] deshalb dazu übergegangen, ihre Cousinen und Cousins gēge ([哥哥] älterer Bruder), dìdi ([弟弟] jüngerer Bruder), jiějie ([姐姐] ältere Schwester) oder mèimei ([妹妹] jüngere Schwester) zu nennen. Auch die Freunde werden eingeschlossen. Das deckt sich dann mit der staatlichen Propaganda, die nicht müde wird zu betonen, dass ganz China eine große Familie sei.

Schließlich existiert noch die Beziehung der Freundschaft. Freund
([朋友] péngyou) wird man in China sehr schnell, oft ohne sich zu kennen. Péngyou kann sein: der langjährige Schulfreund, den man immer wieder trifft, der Kumpan aus Armeezeiten oder auch der Geschäftspartner aus Deutschland, den man kurz zuvor in der neuen Bar kennengelernt hat. … Ein gemeinsames Geschäft und somit eine zeitlich begrenzte Beziehung zu beiderseitigem Nutzen reicht dazu schon aus. Das kann sich dann durchaus zu Freundschaftsverhältnissen entwickeln, die dem deutschen Empfinden entsprechen. Die meisten Freundschaften sind jedoch gemäß dem Rénqíng-Prinzip auf gegenseitigen Nutzen hin ausgelegt: ... Viele Péngyou-Beziehungen werden irgendwann Gegenleistungen einfordern, denn wozu hat man schließlich Freunde?“
(Marcus Hernig: China. Ein Länderporträt. Berlin. Ch. Links, 2012. ISBN 978-3-86153-689-5)

„Zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts meinten einige chinesische Reformer, die gesehen hatten, wie kläglich das eigentlich als Mittelreich angesehene China versagte, als es galt, einigen verhältnismäßig kleinen europäischen Armeen Widerstand zu leisten, dass der wahre Grund für die eigene Schwäche darin liege, dass China keine eigene Religion habe, die dem Christentum vergleichbar sei. Konsequenterweise wollten sie den Konfuzianismus zur Staatskirche erheben. Doch dieser Versuch scheiterte, und bald erhoben sich Stimmen, die genau das Gegenteil sagten: Der Konfuzianismus sei an allem Schuld. Besonders die Fünf Beziehungen und die daraus resultierende Hierarchiegläubigkeit der Chinesen, die zumindest in der VR China im zwanzigsten Jahrhundert als Hauptmerkmale des Konfuzianismus ausgemacht wurden, seien ein Hindernis, das einer Modernisierung nach westlichem Vorbild im Wege stünde…“
(Hans van Ess: Ist China konfuzianisch?)

Bei den fünf menschlichen Beziehungen des Konfuzianismus handelt es sich im Wesentlichen um Über- und Unterordnungsverhältnisse. Nur die Freund-Freund-Beziehung kann als eine Beziehung zwischen Gleichrangigen betrachtet werden. Sie bildeten die Grundlage für das Familienleben und den Staat. Auffällig ist, dass Frauen nur an einer Stelle vorkommen.
父子
fù-zǐ
Vater - Sohn 父子有親。
Fù zǐ yǒu qīn.
(Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist geprägt durch Zuneigung.)
君臣
jūn-chén
Herrscher - Untertan 君臣有義。
Jūn chén yǒu yì.
(Die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan ist geprägt durch Pflicht.)
夫婦
fū-fù
Ehemann - Ehefrau 夫婦有别。
Fū fù yǒu bié.
(Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist geprägt durch klare Rollentrennung.)
兄弟
xiōng-dì
älterer Bruder -
jüngerer Bruder
長幼有序。
Cháng yòu yǒu xù.
(Die Beziehung zwischen Alt und Jung ist geprägt durch Abstand.)
朋友
péng-yǒu
Freund - Freund 朋友有信。
Péng yǒu yǒu xìn.
(Die Beziehung zwischen Freund und Freund ist geprägt durch Zuverlässigkeit.)
 
 

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