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04. Dezember 2012

Erziehungs-Mama

教育ママ kyōiku mama (Erziehung + Mama)
 
kyoiku-mama
 
„Tokyo, Stadtteil Shibuya [渋谷], neun Uhr morgens. Ein strahlender Frühlingstag. Yoshi weint. Bittere Tränen laufen über sein rundes Kindergesicht, hinab über die schwarzweiße Uniform, bis zu den kurzen Hosen. Noch vor wenigen Wochen war er einer der umjubelten kleinen Geigen-Virtuosen beim Konzert in der Stadthalle, heute hat er eine große Enttäuschung erlebt. Er hat versagt. Yoshi Nakayama hat soeben erfahren, daß er die Aufnahmeprüfung in den ‚Shoto’-Kindergarten nicht bestanden hat. Dabei war er doch gut präpariert — die Mutter hatte ihn seit Wochen mit einem Nachhilfelehrer auf den 70-Fragen-Test vorbereiten fassen.

Yoshi ist vier Jahre und neun Monate alt. Seine Chancen für eine spätere Karriere in der Wirtschaft oder im Staatsdienst sind jetzt rapide gesunken. ‚Denn nur, wer den richtigen Kindergarten geschafft hat, kommt bestimmt auf die prestigeträchtigste Schule, die Elite-Universität — und damit an einen Spitzen-Job’, sagte Pädagogik-Professor Masayoshi Munuese. Und nur wenige Kindergärten können diese nahtlose Pipeline in die Zukunft so sicher garantieren wie das Renommier-Institut in Shibuya.

Japans Schulsystem gilt in aller Welt als vorbildlich, als ‚beispiellos effektiv’, wie Harvard-Professor und Japan-Fan Ezra Vogel meint, als ‚eines der Geheimnisse für den Wirtschaftserfolg Nippons’ und ‚Grund, warum wir in der Bundesrepublik nicht mehr mithalten können’ (‚Die Welt’). ...

Der Erfolg hat seinen Preis. ‚Vergiß nicht, Dein Mitschüler ist Dein natürlicher Feind’, warnt eines der offiziellen japanischen Prüfungs-Handblätter. Feind bei dem permanenten Auslese-Mechanismus, der Nippons Bildungssystem von frühester Jugend an ist: Ein gnadenloser Kampf um Notendurchschnitte hinterm Komma, ein Hindernislauf von einem Examen zum nächsten. Kaum ein Schüler kommt dabei ohne die ‚Jukus’ aus, teure Nachhilfeschulen. Für die besseren ‚Jukus’ wird wieder eine Aufnahmeprüfung verlangt, worauf eine Spezial-‚Juku ” vorbereitet.

Um in dieser Prüfungshölle
[受験地獄 juken jigoku] zu bestehen, müssen selbst Grundschüler oft mehr als zehn Stunden am Tag pauken — zum Beispiel in schwitzkastenähnlichen Isolierzellen, die Saunahersteller für hellhörige Wohnungen zum ‚ungestörten Studieren’ empfehlen.
 
‚Kyoiku-mama’, ‚Super-Mütter’, nennt man leicht spöttisch die Frauen, die für die Ausbildung ihrer Sprößlinge alles tun und sich gelegentlich sogar in die Klassenzimmer setzen und mitschreiben, wenn der Kleine krank ist. Aber sie machen es ja nicht wie die ‚Eislauf-Mütter’ in Deutschland, die ihren Kleinen aus falsch verstandenem Ehrgeiz zu sportlichem Ruhm verhelfen wollen und um selbst einmal im Rampenlicht zu stehen, sondern aus Verantwortungsbewußtsein — sie wissen, daß sie ihren Kindern nur so eine optimale Chance für ihre Zukunft ermöglichen. Ein Erfolgsrezept gibt es aber auch für die eifrigste ‚Supermama’ nicht.“
(Dieter Blum und Erich Follath: Nippon. Stuttgart: Fink, 1989. ISBN: 978-3-92382702-2)
 
Japanische Kinder werden schon früh auf Disziplin getrimmt, damit sie eine erfolgreiche Schullaufbahn hinter sich bringen. Hinter dieser Erziehung stehen meist die so genannten Erziehungsmütter, die mit Beharrlichkeit oder psychischem Druck ihre Kinder zu schulischen Höchstleistungen treiben.

Abends harren sie vor der Paukschule aus, verschaffen dem Sohn / der Tochter die nötige Ruhe zum Büffeln, sprechen Mut zu und helfen so, alle Prüfungshürden zu nehmen, bis hin zur letzten großen Prüfung: dem Zugang zu einer renommierten Universität. Während die Kinder büffeln, bestreiten ihre Mütter einen Wettkampf mit anderen Müttern.

„Diese (Ausbildungsmamas) übertreffen, was ihren Ehrgeiz betrifft, so manche Bühnenmutter in Hollywood. Dies läßt sich zwar ausnutzen - „Wenn du mir nicht mehr Schokolade gibst, arbeite ich nicht für meine Prüfung“. ...
 
Jeder Fehlschlag lässt sich als Verrat am Opfer der Mutter betrachten. Schuldgefühl ist eine der dauerhaftesten Säulen mütterlicher Macht. Ein Beweis sind die Briefe von Kindern, die nach nichtbestandenen Prüfungen Selbstmord begangen haben. Die meisten sind Bitten um Verzeihung, gerichtet an die Mutter, deren Ansprüche die Kinder nicht erfüllen konnten.“
(Ian Buruma: Japan hinter dem Lächeln. Götter, Gangster, Geishas. 1985. ISBN 3 548 34464 X)
 

Prüfungshöllen
Achtgliedriger Aufsatz 八股文章 - Beamtenprüfung 科舉 - Erziehungs-Mama 教育ママ - Gänsevater 기러기아빠 - Paukschule


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