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10. September 2013

Chinas dreiunddreißig glückliche Augenblicke

《不亦快哉三十三則》 Bú yì kuài zāi sānshísān zé (nicht + auch + glücklich + ach! + drei + zehn + drei + Stück)
Autor: Jīn Shèngtàn (金聖嘆)


„Nun sind wir in der Lage und gerüstet, uns den glücklichen Augenblicken eines Chinesen zuzuwenden, wie er selbst sie uns beschrieben hat. Jīn Shèngtàn, der große impressionistische Kritiker aus dem 17. Jahrhundert, hat uns, mitten unter seinen Kommentaren zu dem Schauspiel ‚Die westliche Kammer[西廂記 Xīxiāngjì], eine Aufzählung der glücklichen Augenblicke in seinem Leben hinterlassen. Er zählte sie zusammen, als er einmal mit einem Freund durch das Regenwetter zehn Tage lang in einem Tempel festgehalten wurde. Was er aufzählt, sind die seiner Meinung nach wahrhaft glücklichen Momente im Menschenleben, Augenblicke, in denen der Geist unlöslich mit den Sinnen verbunden ist:

Ein Freund - einer, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen - kommt unerwartet bei Einbruch der Dunkelheit bei mir an. Ich mache die Tür auf und lasse ihn herein, und ohne erst zu fragen, ob er zu Schiff oder zu Land gekommen, und ohne ihn aufs Bett oder aufs Ruhelager zu nötigen, gehe ich ins innere Gemach und frage meine Frau ganz bescheiden: ‚Hast du vielleicht eine Gallone Wein wie Sū Dōngpōs [蘇東坡] Frau?’ Meine Frau besinnt sich keinen Augenblick; sie zieht die goldene Nadel aus ihrem Haar und geht weg, sie zu verkaufen. Ich überschlage, dass wir drei Tage damit auskommen werden.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Ich gehe spazieren und sehe auf der Straße zwei arme Wichte, die sich in einem Streit schon ganz heiß geredet haben: ihre Gesichter sind rot, und die Augen quellen ihnen vor Ärger aus dem Kopf, als wären sie tödlich verfeindet, dabei gebärden sie sich aber immer noch wunder wie feierlich miteinander, heben die Arme und bücken sich zum Gruß und befleißigen sich einer über die Maßen geleckten Sprache. Der Strom ihrer Worte nimmt kein Ende. Plötzlich kommt ein Mordskerl, ein richtiger Rabauke mit schwingenden Armen die Straße herauf und brüllt sie an, sie sollten schauen, dass sie weiterkämen.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Ich habe nach Tisch wieder einmal nichts zu tun und beschäftige mich damit, die Dinge in alten Koffern und Schubladen durchzugehen. Da finde ich dutzend- und hundertweise Schuldscheine von irgendwelchen Leuten, die meiner Familie Geld schulden. Manche von den Schuldnern sind schon gestorben, die anderen leben noch, aber so oder so besteht keine Hoffnung, dass sie das Geld je zurückzahlen. Da schichte ich hinter dem Rücken der Meinen die Papiere zu einem Haufen zusammen und zünde ein kleines Freudenfeuer an, schaue in den Himmel und sehe, wie das letzte Wölkchen Rauch verschwindet.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Ich wache morgens auf, und mir ist, als hörte ich im Hause eine Stimme seufzen und sagen, dass letzte Nacht jemand gestorben sei. Ich erkundige mich sofort, wer es ist, und höre, es war der schäbigste, berechnendste Kerl in der ganzen Stadt.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Mit einem scharfen Messer an einem Sommernachmittag auf einem großen dunkelroten Teller in eine hellgrüne Wassermelone schneiden.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Ganz zufällig in einer Kiste einen handschriftlichen Brief von einem alten Freund finden.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Ein Mann kommt von einer langen Reise nach Hause zurück; er sieht das alte Stadttor und hört die Frauen und Kinder auf beiden Ufern des Flusses seine Mundart reden.

Ist das vielleicht nicht Glück?


Zuschauen, wie jemand großmächtige, einen Fuß hohe Schriftzeichen malt.

Ist das vielleicht nicht Glück?

Ein Fenster öffnen und eine Wespe aus dem Zimmer lassen.

Ist das vielleicht nicht Glück?

Ein Ratsherr läßt die Trommel schlagen und verkündet Feierabend.

Ist das vielleicht nicht Glück?

Sehen, wie jemandem die Drachenschnur reißt.

Ist das vielleicht nicht Glück?

Ein wildes Steppenfeuer mit ansehen.

Ist das vielleicht nicht Glück?

Soeben alle seine Schulden zurückbezahlt haben.

Ist das vielleicht nicht Glück?“

(zitiert aus Lin Yutang: Weisheit des lächelnden Lebens - 古文小品譯英 Gǔwén Xiǎopǐn Yìyīng)

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