Die große Welle vor Kanagawa

神奈川沖浪裏 Kanagawa oki nami ura (Unter der Welle im Meer vor Kanagawa)
Maler: Katsushika Hokusai 葛飾北斎(Familienname: Katsushika)

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Die große Welle scheint die Fischer verschlingen zu wollen, die hilflos ausgeliefert sind; in der Ferne zeichnet sich die Silhouette des verschneiten Fuji-san ab.

„Mit geübtem Schwung bearbeitet Hokusai Katsushika (1760 - 1849) mit einem Meißel das Holz. Erst als nur noch die schwungvollen Konturen der sich auftürmenden Welle vor dem Fujisan [富士山] als schmale Stege stehen geblieben sind, ist die erste Platte für den Holzdruck fertig. Anders als viele seiner Kollegen, die vor allem Porträts von Kabuki-Stars herstellen, die sich in Edō [江戸] gut verkaufen lassen, hält Hokusai lieber alltägliche Szenen und Landschaften fest. Anhand eines Probedrucks entscheidet er nun, welche Farben die einzelnen Flächen erhalten sollen, und schnitzt dann für jede Farbe eine eigene Druckplatte. Bis zu zwölf Platten sind für ein Bild nötig.
 
 
Noch ahnt der Künstler nicht, dass ‚Die große Welle von Kanagawa’ einmal zu einem der berühmtesten Holzschnitte überhaupt werden wird, zu einem Symbol Japans. Doch erst 1853 werden die Kunstwerke mit der erzwungenen Öffnung des Landes für den Handel auch nach Europa gelangen, wo sie Künstler wie van Gogh oder Gauguin inspirieren.“
(Hans Sautter, Kerstin Fels und Andreas Fels: Japan. München: Bruckmann, 2007. ISBN: 978-3-76544471-5)

 
 
„Dieser Holzschnitt, ein Sinnbild der japanischen Kunst, bildet den Auftakt zur Serie der Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji. Die große Welle — gewaltig, schäumend, bedrohlich — scheint mit ihren mächtigen Tentakeln die Fischer verschlingen zu wollen, die auf ihren zerbrechlichen Nachen dem sturmgepeitschten Meer hilflos ausgeliefert sind; in der Ferne zeichnet sich die erhabene Silhouette des verschneiten Fuji-san ab. In ihrer Dynamik bringt die Komposition den auffälligen Kontrast zwischen der Fragilität des menschlichen Lebens und der grandiosen Naturgewalt zur Geltung.
 
Der Mensch erscheint tatsächlich als unbedeutend, ohnmächtig, nichts weiter als ein Spielzeug in den Händen einer ungeheuren, zerstörerischen Natur, hier vertreten durch die gigantische Woge, deren Schaumkrone an die Klauen eines Raubtiers erinnert. Die Form der Scheidelinie zwischen Meer und Himmel beschreibt das uralte Symbol des Yin und Yang und betont damit auf graphischer Ebene den Gegensatz zwischen den dunklen, irdischen und den hellen, himmlischen Kräften. Das Bild hat eine nahezu religiöse Dimension, insofern als es die spirituellen Werte des Buddhismus — Betonung der Vergänglichkeit der Dinge — mit denen des Shintoismus verbindet, die auf die Allmacht der Natur ausgerichtet sind.
 
 
(Bild: Wikimedia)
 
Diese Szene, in der die drei Boote im Wellental zu versinken drohen, könnte man als eine Metapher für die vergängliche, fließende Welt sehen und damit als eine wortwörtliche Interpretation des Begriffs ukiyo. Sehr deutlich zeigt sich in diesem Werk der Einfluß der westlichen Perspektive: Noch wenige Jahrzehnte zuvor hätten japanische Künstler den Vulkan im Vergleich zur Welle sehr viel größer dargestellt, während Hokusai die Woge in „Großaufnahme“ zeigt — sich selbst also mitten ins Geschehen begibt — und den Fuji-san nur als winziges Detail im Hintergrund erscheinen läßt, wo er in der Gesamtkomposition der Szene eine weitgehend untergeordnete Rolle spielt.“
(Jocelyn Bouquillard: 36 Ansichten des Berges Fuji. München, 2007. ISBN: 978-3-8296-0295-2)
 
Debussy wählte einen Ausschnitt des Holzschnittes als Titelbild für die erste Ausgabe von La mer (Das Meer, drei symphonische Skizzen für Orchester). Skulptur „Die Woge” an der Augustusbrücke in Dresden als Erinnerung an die Elbeflut von 2002 
(Foto: Wikimedia)
 
Die große Welle vor Kanagawa ist das weltweit bekannteste japanische Bild. Es stammt aus der Serie Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji (富嶽三十六景 Fugaku sanjūrokkei) des Künstlers Katsushika Hokusai 葛飾北斎, 1760 – 1849).
 

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