Der Traum der Roten Kammer

紅樓夢 Hónglóumèng (rot + Turm + Traum)

石頭記 Shítóujì (Stein + Geschichte)

„Wenn man gebildeten, jugendlichen Chinesen beiderlei Geschlechts gegenüber den Namen Hongloumeng nennt, dann werden ihre Augen leuchten, und sie werden erkennen, daß sie den Roman nicht nur einmal, sondern drei- oder viermal durchgelesen haben und stellenweise auswendig kennen. Die erstaunliche Beliebtheit des Hongloumeng gerade bei der chinesischen Jugend erklärt sich wohl daraus, daß der Roman sich in sehr eindringlicher ernsthafer Weise mit nahezu allen Problemen befaßt, die gerade junge Chinesen beiderlei Geschlechts unmittelbar bewegen. Es ist zu beachten, daß das Alter der Hauptpersonen sich zwischen zwölf und neunzehn Jahren bewegt! Der Roman ist eine Art Lebensbrevier der chinesischen Jugend.“
(Franz Kuhn: Der Traum der Roten Kammer, S. 826)
 
Es handelt sich um einen der berühmtesten klassischen Romane aus China und ist die mit über 350 Figuren verästelte Geschichte vom Aufstieg und Verfall einer Aristokratenfamilie. Im Zentrum der Geschichte steht ein verwöhnter Adelssohn, der ein sorgenfreies Leben führt und letztlich Mönch wird.
 

Die Haupthandlung gruppiert sich um drei Gestalten:

jiabaoyu lindaiyu xuebaozhai
賈寶玉 林黛玉 薛寶釵
Jiǎ Bǎoyù
(Kostbarer Jade)
Lín Dàiyù
(Blaujuwel)
Xuē Bǎochāi
(Goldspange)
Hauptfigur ist der junge Jiǎ Bǎoyù, der mit einem Jadestein im Mund geboren wurde. Der Junge wächst verzärtelt im Kreis seiner zahlreichen Kusinen auf.


Baoyu ist besonders der sensiblen Lín Dàiyù zugetan. Doch die zarten Bande  werden durch die Kusine Bǎochāi kompliziert, von deren Temperament Bǎoyù sich ebenfalls angezogen fühlt.
Die lebenstüchtige Bǎochāi wird von der Großmutter gezwungen, Bǎoyù zu heiraten. Als Dàiyù davon hört, bekommt sie einen Blutsturz und stirbt.


 
Der Traum
 
„Bǎoyù hatte kaum die Augen geschlossen, da fühlte er sich in ein Traumland entrückt. Es war ihm, als schwebte seine schöne Nichte vor ihm her und führte ihn zu einem Feenpalast mit Mauern aus Jaspis und Säulen und Balustraden aus Rubin, umgeben vom Rauschen grüner Wipfel und Murmeln silberner Bäche.

„Hier ist es gut sein,“ seufzte er beseligt im Traum, „hier möchte ich viel lieber leben als daheim, wo ich beständig unter Aufsicht bin und Tadel und Schelte von Vater und Mutter zu gegenwärtigen habe.“ Seine Führerin war in zwischen verschwunden. Er lauschte. Von irgendwoher scholl der überirdisch schöne Gesang einer Frauenstimme an sein Ohr. Gleich darauf sah er eine wunderholde Fee hinter einem Hügel zum Vorschein kommen und sacht auf ihn zuschweben. Grüßend hob Baoyu die Hände in Brusthöhe und sprach, sich verneigend, zu ihr: „Schwester Fee, ich habe mich verirrt. Möchtest du so lieb sein, mich zu führen und mir zu sagen, wer du bist?“

Die Fee erwiderte: „Ich bin die Fee des schreckhaften Erwachens. Ich wohne nicht weit von hier, im ‚Wahnreich der großen Leere', in der ‚Sphäre des verbannten Leids' hinter dem ‚Meer des netzenden Kummers', auf den ‚Höhen des befreiten Lenzes', in den ‚Grotten des unvergänglichen Duftes'. Ich richte über den ‚Wind- und Wolkenverkehr' zwischen den Menschen und regle die unbeglichenen Liebesschulden zwischen unglücklichen Mädchen und schmachtenden Jünglingen. Nicht Zufall, sondern Vorbestimmung führt mich heute mit dir zusammen. Ich will dich in mein Reich führen und dich in meinem Palast mit einer Schale selbstgepflücktem Göttertee und einem Becher selbstgebrauten Wunderweins bewirten. Meine Mägde sollen dich mit ihrem Zauberreigen unterhalten und dir die zwölf Geistersänge vom ‚Traum der roten Kammer' vorsingen. Willst du mir folgen?“

„Ich will“, bejahte Baoyu freudig und folgte der Fee. Es währte nicht lange, da führte sie ihn durch einen hohen Steinbogen, über dessen Wölbung er die Aufschrift las: ‚Wahnreich der großen Leere'. Rechts und links an den Pfeilern stand geschrieben:

Sein wird Schein, und Schein wird Sein,
Eins wird Keins, und Keins wird Eins.

Nach Durchschreiten einer weiteren Pforte ging es an einer Reihe von Kammern vorbei, an deren geschlossenen Türen er wunderliche Aufschriften als wie ‚Abteilung für Liebestorheit', ‚Abteilung für Eifersucht', ‚Abteilung für Morgentränen', ‚Abteilung für Nachtseufzer', ‚Abteilung für Lenzweh', ‚Abteilung für Herbstleid'.

Baoyu fragte, ob er die einzelnen Kammern besichtigen dürfe. Die Fee schüttelte den Kopf. In den Kammern seien denkwürdige Schicksale von unzähligen Frauen und Mädchen registriert, sowohl von solchen, die schon gelebt hätten, als auch von solchen, die noch leben würden. Einem Menschenskind wie ihm mit seinen profanen Augen und seinem Leib von Staub sei es nicht vergönnt, einen Blick in die Zukunft zu tun. „Folge mir, ich habe dir viel Schöneres zu zeigen als diese langweiligen Register.“ ...

Die Fee gab Befehl, abzuräumen und ließ Baoyu in eines der Frauengemächer führen. Was er hier an üppiger Ausstattung gewahrte, meinte er, nie zuvor in seinem Leben gesehen zu haben. Aber eine noch stärkere Überraschung harrte seiner. Er fand in dem Gemach ein junges Mädchen vor, das an Gestalt und Schönheit seiner Kusine Baozhai glich, in Blick und Gebärde aber ein Abbild seiner Kusine Blaujuwel war. Noch ganz betroffen, hörte er die Fee sagen: „Ach, wie manches grünfensterige Innengemach in den Häusern der Vornehmen und Reichen dieser Welt von Staub wird von frivoler Jugend zu sündigem Leibesspiel mißbraucht! Der Grund, weshalb ich mich deiner so liebevoll annehme, ist der, daß du der ärgste Liebessünder aller Zeiten bist.“ ...

Nachdem sie geendet hatte, erteilte sie ihm noch einige vertrauliche Aufschlüsse über die Gebräuche des ‚Wolken- und Regenverkehrs'. Dann schloß sie ihn in die Kammer ein. Noch ganz verwirrt und benommen befolgte Baoyu ihre Weisungen und übte mit Kejing den alten Brauch, dessen erschöpfende Schilderung sich wohl erübrigt.“

(Traum der Roten Kammer, S. 67ff; übersetzt von Franz Kuhn)

 

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