Die neue Vokabel: Konfuzius-Institut

9. November 2011

Chinesisch
孔子学院 Kǒngzǐ Xuéyuàn (Konfuzius + lernen + Institut)

Japanisch
孔子学院 Kōshi Gakuin (Konfuzius + lernen + Institut)

konfusiusinstitut

Eine harmonische Welt
Dr. Jörg-M. Rudolph in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Dienstag, den 8. November 2011, Nr. 260, Seite 9

Was den Deutschen die Goethe-Institute, das sind für China anscheinend die Konfuzius-Institute: Einrichtungen auswärtiger Kulturpolitik. Doch hinter den Goethe-Instituten steht eine Demokratie, hinter den vermeintlich gemeinnützigen Konfuzius-Instituten verbergen sich Pekinger Zensoren und Einheitsfrontspezialisten. Deren Geld nehmen viele Wissenschaftler gerne – auch in Deutschland.

Im November 2004 eröffnete in Seoul [서울, 首尔 Shǒu'ěr], der Hauptstadt Südkoreas, das erste „Konfuzius-Institut“ [공자학원]. Mittlerweile gibt es in annähernd hundert Ländern 346 Einrichtungen dieses Namens sowie 369 „Konfuzius-Klassen“. Deutschland ist in der Liste mit elf Instituten vertreten, die allesamt als gemeinnützige Vereine organisiert sind. Mit einer Ausnahme sind sie an Universitäten angesiedelt und de facto Gemeinschaftsunternehmen: Die jeweilige Sinologie [汉学系 Hànxuéxì] kooperiert mit einer chinesischen Universität und betreibt das Konfuzius-Institut. So der Augenschein.

Vor kurzem wurde ein als „geheim“ eingestuftes Dokument des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas [中国共产党中央委员会 Zhōngguó Gòngchǎndǎng Zhōngyāng Wěiyuánhuì] bekannt, das unter dem Titel „Schwerpunkte der Propagandaarbeit 2011“ [宣传工作的重点 xuānchuán gōngzuò de zhòngdiǎn] die Aktivität der Partei im Ausland zum Gegenstand hat. Im Abschnitt „Propagandaniveau in der Außenarbeit erhöhen“ werden unter dem Unterpunkt „Kulturelle Zusammenarbeit“ die „Konfuzius-Institute“ erwähnt: Sie müssten „vorangetrieben“ [推动 tuīdòng] werden und die „Besonderheiten der chinesischen Kultur der Welt in ihrer ganzen Fülle zeigen“. [中国文化的特点 Zhōngguó wénhuà de tèdiǎn] Diese Bemerkung lässt die gemeinsam mit Universitäten in Deutschland betriebenen Konfuzius-Institute in einem befremdlichen Licht erscheinen: Werden sie etwa am Zügel der Abteilung für Propaganda des Zentralkomitees der KP Chinas geführt und sind damit Transmissionsriemen von Interessen, die die Führung der chinesischen Kommunisten verfolgt?
Der Internetauftritt der Zentrale der Konfuzius-Institute in Peking hält auf Fragen wie diese keine Antworten bereit. Weder die Partei noch deren Zentralkomitee oder auch die Propagandaabteilung [宣传部门 xuānchuán bùmén] tauchen dort auch nur dem Namen nach auf. Die Rede ist stattdessen von „gemeinnützigen Bildungseinrichtungen“ [公益教育机构 gōngyì jiàoyù jīgòu], die „Bedürfnissen zum Erlernen der chinesischen Sprache“ dienen, das „Verständnis“ für die „Kultur Chinas fördern“, „Kulturaustausch und -kooperation verstärken“, die „freundschaftliche Beziehungen zwischen China und anderen Staaten“ entwickeln und helfen, „eine harmonische Welt“ [和谐世界 héxié shìjiè] zu errichten.

Nun lässt die Aufzählung der sprachlich-kulturellen Aufgaben vermuten, dass es sich bei den Konfuzius-Instituten um Einrichtungen handelt, die den deutschen Goethe-Instituten [歌德学院 Gēdé Xuéyuàn] oder ähnlichen Einrichtungen anderer Länder vergleichbar sind. Von diesen Einrichtungen der auswärtigen Kulturpolitik unterscheiden sich die chinesischen Institute aber grundlegend durch die Festlegung, sie „in chinesisch-ausländischer Kooperation“ zu betreiben. Im Unterschied etwa zu den Goethe-Instituten sind sie nicht Einrichtung eines deutschen Trägers in einem anderen Staat, sondern ausweislich ihres Statuts chinesische Unternehmungen, in denen Ausländer mitarbeiten. Mit anderen Worten: Deutsche Universitäten sollen chinesische Kultur fördern und eine harmonische Welt errichten helfen, ohne dass sie die Definitionsmacht besäßen, was es mit chinesischer Kultur oder der „harmonischen Welt“ auf sich hat – die inhaltliche Füllung dieses Mottos hat sich die zentrale Parteileitung in Peking höchstselbst vorbehalten.
Die Statuten der Institute legen weiterhin fest, dass ausländische Rechtspersonen aus dem Bildungssektor ein Institut „beantragen“ können. Zu richten sind die Anträge an das „Hauptquartier der Konfuzius-Institute“ in Peking. In der „harmonischen Welt“ könnte diese militärische Bezeichnung vielleicht doch überraschen, lässt sie doch eher an Truppen und Stäbe denken als an Kultur. Im Gegensatz zu allen Assoziationen mit dem Begriff Kultur verweist „Hauptquartier“ denn auch auf eine zentralistische Organisation, auf ein oben geplantes und nach unten hierarchisch koordiniertes Vorgehen, auf Befehl und Gehorsam, auf Strategie und Offensive.
Offiziell heißt das Hauptquartier „Entwicklungszentrum des Bildungsministeriums für den Chinesisch-Unterricht als Fremdsprache“ [教育部对外汉语教学研发中心 jiàoyùbù duìwài Hànyǔ jiàoxué yánfā zhōngxīn] und untersteht dem Bildungsministerium [教育部 jiàoyùbù] der Volksrepublik China. Dessen Minister ist stellvertretender Vorsitzender des Hauptquartier-Direktoriums, leitet die Parteizelle des Ministeriums und ist überdies Mitglied der Disziplinkontrollkommission des Zentralkomitees der KP.
Das Entwicklungszentrum wiederum ist eine Querschnittsbehörde, die mit Vertretern aus zwölf Ministerien oder Einheiten im Rang von Ministerien besetzt ist. Die meisten dieser Behörden haben mit Sprachunterrichtnichts zutun. Umso besser kennen sie sich mit der Ausübung politischer Macht bis hin zur Zensur aus, allen voran das „Generalamt für Rundfunk, Film und Fernsehen“ [广播电影电视总局 guǎngbō diànyǐng diànshì zǒngjú]  oder sein für Presse und Verlage zuständiges Gegenstück.

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Die Leitung dieses Entwicklungszentrums, das den Vorstand des Hauptquartiers der Konfuzius-Institute besetzt, obliegt Frau Chén Zhìlì [陈至立]. Sie ist unter anderem Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei [中国共产党中央委员会 Zhōngguó Gòngchǎndǎng Zhōngyāng Wěiyuánhuì] und gehört dem Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses [全国人民代表大会 Quánguó Rénmín Dàibiǎo Dàhuì] an, der gesetzgeberische Vollmachten hat.
Für die praktische Arbeit hat das Hauptquartier eine weitere Einheit geschaffen: das „Staatsbüro des Führungsteams für die internationale Verbreitung der chinesischen Sprache“ [国家汉语国际推广领导小组办公室 guójiā Hànyǔ guójì tuīguǎng lǐngdǎo xiǎozǔ bàn'gōngshì]. Dieses Büro bezeichnet sich in seinem Internetauftritt trotz des eindeutigen Namens „Staatsbüro“ [国家办公室 guójiā bàn'gōngshì] als „Nichtregierungsorganisation“ [非政府组织 fēizhèngfǔ zǔzhī]. Nach der Aussprache seiner chinesischen Abkürzung ist es als „Hàn Bàn“ [汉办] bekannt und nennt sich ebenfalls Hauptquartier. Das Hàn Bàn besteht aus Vorstand mit Vorsitzendem und mehreren Stellvertretern, einem Ständigen Exekutiv-Management sowie weiteren Mitgliedern des Vorstandes.
Vorstandsvorsitzende dieses Hauptquartiers der Konfuzius-Institute ist Frau Liu Yandong [刘延东]. Sie ist nicht nur eine der fünf Staatsräte [国务委员 guówù wěiyuán], die in China über Ministern [部长 bùzhǎng] stehen, sondern auch Mitglied des 25 Personen zählenden Politbüros des Zentralkomitees. Vor ihrer jetzigen Tätigkeit als Leiterin aller Konfuzius-Institute der Welt war Frau Liu mehr als zehn Jahre Chefin der ZK-Abteilung für „Einheitsfrontarbeit“ [统战工作 tǒngzhàn  gōngzuò], also zuständig für die Gewinnung von Personen im In-und Ausland, die die politischen Ziele der Partei unterstützen. Auch die stellvertretenden Vorsitzenden des Hauptquartiers sind ranghohe Parteifunktionäre, die allesamt dem nur 204 Personen umfassenden inneren Kreis der KP Chinas angehören.
Unterhalb des Vorstands arbeitet das Ständige Exekutiv-Management. Gebildet wird es aus den Vertretern der dem Bildungsministerium unterstehenden Querschnittsabteilung. Auch sie sind ranghohe Parteifunktionäre. Die Geschäfte lässt der direkt unter der Aufsicht des Politbüros stehende Vorstand derzeit von Frau Xǔ Lín [许琳] als „Generalsekretärin“ [秘书长 mìshūzhǎng] führen. Sie unterliegt als Mitglied der KPCh der Parteidisziplin, war Beraterin des Staatsrates und mehrfach im Ausland auf Botschaftsposten tätig.

Was die Finanzierung der Arbeit der Konfuzius-Institute betrifft, so ist der Aufwand erheblich. In den Statuten ist festgelegt, dass die chinesische Seite jedem Institut drei Jahre lang eine Startfinanzierung [启动资金 qǐdòng zījīn] zur Verfügung stellt, meist 100.000 amerikanische Dollar im Jahr. Die Jahresberichte des Hauptquartiers enthalten seit dem Jahr 2007 Aufstellungen über die Kosten der Konfuzius-Institute. Demnach hat China für diese Startfinanzierung bis 2010 insgesamt 212,9 Mio. Dollar ausgegeben. Hinzu kommen Kosten für Lehrer, die aus China an die Institute entsandt werden, sowie für Tagungen, Einladungen der ausländischen Direktoren, Internetauftritte sowie für „Feldstudien von chinesischen und ausländischen Experten“. Insgesamt sind in den Jahren 2007 bis 2010 etwa 549 Millionen Dollar in das Pekinger Hauptquartier und von dort an die Institute in aller Welt geflossen, auch an die hiesigen Universitäten. Die Kaufkraft dieses Betrages ist jedoch wesentlich höher, als die bloße Summe vermuten lässt, denn die „ausländischen Partner“ [合作伙伴 hézuō huǒbàn] kommen für die Mietkosten der Räume, die Aktivitäten der Institute sowie die Entlohnung der Geschäftsführung auf.

Wer aber sind die deutschen „Partner“, die Geld von chinesischen Einheitsfrontspezialisten und erfahrenen Zensoren [检查者jiǎncházhě] eines Pekinger Hauptquartiers nehmen und selbst Geld dazugeben, um Veranstaltungen zu finanzieren, die dieses Gremium genehmigt und dem sie überdies anschließend darüber berichten?
Bis auf das Konfuzius-Institut in Hannover sind alle elf Einrichtungen in Deutschland an Universitäten angesiedelt: an der Freien Universität Berlin, der Universität Duisburg-Essen, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Universität Hamburg, der Universität Leipzig, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Universität Trier, der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. In sieben Fällen haben es Inhaber der sinologischen oder anderweitig chinabezogenen Lehrstühle übernommen, als lokale Direktoren für das Pekinger „Hauptquartier“ zu arbeiten. Da die Sinologie derzeit an 21 deutschen Universitäten vertreten ist, ist auf diese Weise ein Drittel der Fachrichtung über ein Konfuzius-Institut an Peking gebunden.
Dieser Umstand wirft Fragen auf, die nicht nur die Sinologie, sondern die Wissenschaft schlechthin betreffen: Wie frei und unabhängig sind China-Forscher, die sich in Finanzierungs-, Entscheidungs- und Berichtswege einbinden lassen, die von Funktionären einer ausländischen, zentralistisch und intransparent organisierten Partei bestimmt werden?

Was das Pekinger Hauptquartier [总部 zǒngbù] von den deutschen Professoren erwartet, lässt sich im „Führer für den Direktor des Konfuzius-Instituts“ nachlesen: Von „heißer Liebe“ [热爱 rè'ài] zum Institut ist die Rede, von hohem Sendungsbewusstsein, vollständiger Aktenführung über Schüler, Lehrer und anderes Personal, von Marktbearbeitungsplänen und Arbeitsberichten bis zu rechtzeitigen Berichten „gemäß den Anforderungen des Hauptquartiers im Falle großer Aktionen“. Auskunft gegeben werden soll über Kooperationen und Austausch mit Regierungen, Schulen, Unternehmen, gesellschaftlichen Gruppen und Medien, also über die Einbindung lokaler Eliten in die strategischen Belange des Pekinger Hauptquartiers.
Dieses Konzept klingt nach klassischer „Einheitsfrontarbeit“ der Kommunistischen Partei Chinas. Diese gelingt nach aller Erfahrung umso besser, je prestigeträchtiger sie daherkommt. Deshalb kümmern sich Partei und staatliche Stellen der Volksrepublik intensiv um ihre Institute. Sämtliche Mitglieder des innersten Zirkels der Nomenklatura [名字名单 míngzi míngdān], des neunköpfigen Ständigen Ausschusses des Politbüros [政治局 zhèngzhìjú)], haben bereits Konfuzius-Institute besucht – allerdings noch keine in Deutschland. Wird ein neues Institut eröffnet, ist stets der Botschafter oder sein Vertreter zur Stelle und lädt deren Direktor und Vorstand zu Einzel- oder Gruppenbesprechungen ein. Einladungen ergehen auch zu Konferenzen auf nationaler (Deutschland) und supranationaler Ebene (Europa), auf denen die Diplomaten und Parteimitglieder Aktivitäten initiieren, vereinheitlichen und anspornen.
In der chinesischen Botschaft in Berlin fand ein solches Treffen zuletzt im November vergangenen Jahres statt. Was dort geschah, lässt sich im Internetauftritt des Pekinger Außenministeriums nachlesen. Nach Berlin gekommen waren die Leitungen der deutschen Institute sowie deren Partner von chinesischen Universitäten. Diese sind, wie nicht anders zu erwarten, allesamt von der Organisationsabteilung des Zentralkomitees eingesetzt, gehören der dortigen Parteizelle an und unterliegen einer Disziplin, in der „alle Parteimitglieder dem Zentralkomitee gehorchen“.

Die deutschen Direktoren berichteten Botschafter Wú Hóngbō [吴红波] über den Fortgang ihrer Arbeit, woran sich „eine heiße Diskussion darüber anschloss, wie man die Konfuzius-Institute noch besser machen und aktive Beiträge leisten könnte, um Austausch und gemeinsame Ressourcennutzung zu erweitern“. Besonders hervorgehoben wird das Institut an der Universität Erlangen-Nürnberg. Es habe dem Botschafter berichtet, wie es ihm gelungen sei, durch die Veranstaltung eines Filmfestes mit „lokalen Organen“ zusammenzukommen, sodann „eine China-Rubrik im Radio“ zu platzieren und eine Delegation deutscher Journalisten zusammenzustellen.

Botschafter Wú sparte nicht mit Lob und machte seinerseits in bestem Partei-Sprech [新语 xīnyǔ] „Vorschläge“ für die weitere Arbeit: „Am Gemeinsamen festhalten, das Besondere herausheben“, „eine Plattform schaffen für den Chinesisch-Unterricht, die Lehrerfortbildung und den Kulturaustausch“, „aktiv Neues schaffen, Lehren aus den Erfahrungen ziehen und diese verbreiten“ (vor allem, was den „Austausch mit Medien“ betreffe). Wer sich je mit Parteidokumenten oder „Anleitungsreden“ von KPCh-Funktionären befasst hat, kennt die Diktion: Da sprach einer im Parteiauftrag und suchte die Arbeitsebene auszurichten.
Die jüngste Europa-Konferenz ging Anfang Juni 2011 in Budapest zu Ende. Zur Begrüßung und als Ehrengast rief ein ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Volkskongresses den versammelten Direktoren im besten Partei-Chinesisch zu, was er von ihnen erwartet: „Ganz oben Fuß fassen, die Realitäten angehen, stets nach vorne, unermüdlich.“ Hauptthema dieser Europa-Konferenz war die universitäre China-Forschung. Das Hauptquartier hat es sich zum Ziel gesetzt, eine „neue Generation“ von Sinologen heranzuziehen. Zu diesem Zweck existiert ein „Plan neuer sinologischer Forschungen“, den „finanzielle Zuschüsse“ aus Peking so lange unterfüttern, bis diese „neue Generation herausragender Experten und Gelehrter der China-Wissenschaft“ herangezogen und „das Niveau der universitären China-Forschung und Lehre erhöht“ ist. Mit Geld für dieses Gebiet, das etwa in Deutschland nicht zu den Förderschwerpunkten zählt, möchten Pekinger Funktionäre Einfluss auf die Arbeit nehmen.

Jährlicher Höhepunkt der Anleitungskonferenzen ist das bislang fünfmal abgehaltene Konfuzius-Welttreffen in Peking. Zuletzt fand es im Dezember 2010 statt, im großen Saal des Olympia-Konferenzzentrums. Zur Begrüßung und Einstimmung auch der Instituts-Direktoren aus aller Welt trat dort der Spitzenfunktionär Lǐ Chángchūn [李長春] winkend auf die Bühne. Lǐ ist Mitglied des neunköpfigen Ständigen Ausschusses des Politbüros [中共中央政治局常务委员会 Zhōnggòng Zhōngyāng Zhèngzhìjú Chángwù Wěiyuánhuì], die Nummer fünf in der Parteihierarchie und zuständig für „Ideologie“ [意识形态 yìshí xíngtài]. Damit ist er auch Chef aller Zensoren und Unterdrücker von Meinungs-, Publikations-, Rede- und, so darf man hinzufügen: Wissenschaftsfreiheit in China. Als Mitglied der Parteileitung ist Lǐ überdies direkt an Beschlüssen über die Verhängung von Hausarrest, über Verschleppung und Verurteilung Andersdenkender beteiligt – darunter der Friedensnobelpreisträger Liú Xiǎobō [刘晓波], der freche Künstler Ài Wèiwèi [艾未未] oder der Autor Liào Yìwǔ [廖亦武]. Und: Lǐ ist in seiner Funktion auch derjenige, der die Konfuzius-Institute als Werkzeuge in die „Schwerpunkte der Propagandaarbeit 2011“ einbezog.
Was geschah, als Lǐ die Bühne betrat? Die ausländischen Direktoren – Mitglieder freier Forschung und Lehre verpflichteter Universitäten – klatschten ihm und den anderen Funktionären Beifall. So eingestimmt, steuerten sie danach in „Arbeitsgruppen“ ihre Verbesserungsvorschläge zur Verbreitung der „Besonderheiten der chinesischen Kultur“ in ihren Staaten bei. Mutmaßlich auch zum Heranziehen einer neuen Generation von Sinologen.

Der Verfasser ist China-Dozent im Studiengang International Business Management (East Asia) und Geschäftsführer des Ostasieninstituts [东亚学院 Dōngyà Xuéyuàn bzw. 東アジアセンター Higashi Ajia Senta] der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein.

Leserbriefe zu diesem Artikel in der FAZ vom 14. November 2011

Im Blick auf das sinistre, böse China
(Professor em. Karl-Heinz Pohl, Trier)

Das Chinabild hierzulande ist bereits in bedenklicher Weise auf negative Ausschnitte reduziert - allen voran stehen bekanntlich Berichterstattungen in den Medien über Ai Weiwei, Liu Xiaobo und Liao Yiwu (wenn man sich China nicht gerade für die Rettung des Euro wünscht). Und nun gewährt die F.A.Z. Dr. Jörg-M. Rudolph auch noch eine ganze Seite, um seine Sicht auf das böse China darzutun („Eine harmonische Welt“, F.A.Z. vom 8. November).
Als Sinologe, der sich seit Jahrzehnten mit China beschäftigt und mit dortigen Kollegen auf allen Ebenen gute wissenschaftliche Kontakte pflegt, rauft man sich die Haare, ob solchen politischen Eiferertums und des dadurch angerichteten Schadens - sowohl für das Fach als auch für chinesisch-deutsche Kooperationen in jeglicher Hinsicht.
Folgt man Rudolph, so werden die Konfuzius-Institute von militärisch anmutenden „Hauptquartieren“ geleitet, gesteuert von sinistren Parteisoldaten und Zensor en, die nichts anderes als eine wie auch immer geartete „Einheitsfront“ und damit
Gängelung der deutschen Wissenschaft im Sinn haben. Abgesehen von der Überspitztheit dieser Vision fragt man sich bei Rudolphs suggestiv wirkender Übersetzung von chinesischem Standardvokabular, ob der eigentlich sinologisch ausgebildete Verfasser einfach nicht weiß, dass auf Chinesisch „zǒngbù“ [总部] nicht nur (militärisches) „Hauptquartier“, sondern einfach oberste Zentrale einer wie auch immer gearteten Organisation bedeutet, oder ob er nicht eher von dem Gedanken geleitet ist, dem deutschen Leser militaristische Zusammenhänge zu suggerieren, die jedoch im Original gar nicht existieren.
Hauptsache, das Bild von böswilligen und undemokratischen Machenschaften, derer man sich dann also zu erwehren wünscht, verfestigt sich. Die Frage ist nur: Ist dies Aufklärung der Leserschaft oder nicht eher der Versuch einer subtilen Diffamierung, um der eigenen extremen Sicht der Dinge größeres Gehör zu verschaffen - und somit Ansätze einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland zu torpedieren?

Das chinesische Generalkonsulat in Frankfurt veröffentlichte Herrn Pohls Brief auf seiner Website (sogar mit chinesischer Übersetzung):

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Herrn Rudolphs Antwort auf diesen Brief können Sie hier lesen:

Herr Pohl bittet um Berichtigung zu dem von ihm gehaltenen Vortrag. Wir kommen dieser Bitte gern nach:


Die Rolle der Konfuzius-Institute in Deutschland
(Philipp Grimberg, Köln)

Zu „Eine harmonische Welt“ (FA.Z. vom 8. November): Ich kann den Ausführungen des Kollegen Dr. Rudolph über Rolle, Sinn und die inhärente Architektonik der Konfuzius-Institute in Deutschland, insbesondere im Anschluss an deutsche Universitäten, nur zustimmen.
Es ist nicht nur das Schweigen, welches passiv der Propagandamaschinerie der Kommunistischen Partei in die Hände arbeitet, sondern vielmehr die aktive Mitträgerschaft klar umrissener Instrumente zur Einflussnahme auf die (nicht nur) deutsche sinologische Wissenschaftslandschaft. Neben der absurden Tatsache, dass die sinologischen Trägerinstitute einen Gutteil der Kosten für den Unterhalt der Konfuzius-Institute selbst tragen müssen, fällt vor allem die Frage ins Gewicht, welche Informations- und Lehrfreiheit den an den Konfuzius-Instituten Lehrenden und Lernenden wohl bleibt? Des Weiteren sei auf die beiden Stiftungsprofessuren verwiesen, die das Hànbàn [汉办] in Göttingen finanziert. Auch dort muss man sich die Frage stellen, inwiefern eine solche, von China finanzierte und damit kontrollierte und sanktionierte Forschung und Lehre sich nicht selbst ad absurdum führt. Am Seminar in Köln hat man, wie in Bonn, bislang auf die Angliederung eines Konfuzius-Instituts verzichtet. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch in Zukunft so bleiben und der gierige Krake seine Tentakel nicht bis an den Rhein ausstrecken möge.