Interview Lena Scheidler

Mein Ratschlag ist, für alles offen zu sein, alle Möglichkeiten anzuschauen und nicht gleich Nein zu sagen.

Lena Scheidler
Consultant bei ABeam Consulting in Tokyo
Studienschwerpunkt Japan (Auslandsjahr an der Kansai Gaidai)


Nach deinem Abschluss im Jahr 2014 hat es dich gleich wieder zurück nach Japan verschlagen, was hast du dort gemacht?  

Nachdem ich meine Bachelor-Arbeit Ende September abgegeben hatte, bin ich Anfang Oktober mit einem Touristenvisum nach Kyoto gegangen und war dort für drei Monate auf einer Sprachschule um mein Japanisch zu verbessern.
Während ich in Japan war, habe ich mich nach einem Job umgeschaut, was sich allerdings als nicht so einfach herausgestellt hat. Das Problem lag darin, dass japanische Firmen in der Regel nur einstellen, wenn man sich bereits mit einem Arbeitsvisum im Land befindet, also bereits dort arbeitet. Dies stellte natürlich eine große Schwierigkeit für mich dar, da ich zu der Zeit gerade erst meinen Abschluss gemacht habe.
Mit Hilfe eines deutschen Headhunters habe ich dann von Japan aus einen Job bei ABeam Consulting, einer japanischen Consulting Firma mit einer Niederlassung in Deutschland bekommen, wo ich Anfang März 2015 in Deutschland anfing.

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Nach deiner Rückkehr aus Japan war dein Aufenthalt in Deutschland aber nur von kurzer Dauer.

Genau. Am 1. März habe ich in Deutschland angefangen zu arbeiten, nach zwei Wochen ging es dann aber wieder zurück nach Japan. Ich wurde in die japanische Muttergesellschaft entsandt um dort das Training zusammen mit den neueingestellten Japanern zu machen.
Nach einem halben Jahr Training, in dem wir auf verschiedene SAP Modelle geschult wurden, habe ich danach mein erstes SAP Projekt im Bereich Immobilienmanagement begonnen.


Was war für dich anfangs die größte Herausforderung als du in Japan gearbeitet hast?

Das war definitiv in Japan auf Japanisch zu arbeiten. Ich war eigentlich noch dabei, mich an die Sprache zu gewöhnen, da kam beim Training viel Neues und auch viel Technisches zum Lernen dazu.
Auch nach dem Training habe ich bei meinen Projekten weniger internationale Kunden, sondern hauptsächliche japanische Kunden in japanischen Tochtergesellschaften betreut.
Ich hatte aber sehr viel Glück, da ich eine nette Vorgesetzte hatte, die sich viel Zeit für mich nahm. Und auch die Kunden waren stets freundlich zu mir.
Insgesamt war es eine sehr gute erste Job-Erfahrung nach dem OAI-Abschluss.

 

Du hast zwischendurch innerhalb der Firma den Status von einer deutschen zu einer japanischen Angestellten gewechselt. Was waren die Gründe dafür?  

Obwohl ich in Japan arbeitete, war ich in der deutschen Niederlassung angestellt.  Der Originalplan war, dass ich nach einem Jahr zurück nach Deutschland kommen sollte, um in Deutschland die Projekte japanischer Tochtergesellschaften zu unterstützen. Dann hat das Headquarter in Japan jedoch beschlossen, die deutsche Niederlassung zu schließen, da es nicht genug Projekte in Europa gab. Daraufhin bot man mir zwei Möglichkeiten an:
Entweder ich höre auf, dort zu arbeiten oder ich wechsle innerhalb der Firma meinen deutschen in einen japanischen Vertrag und bleibe somit weiterhin dort.
Da ich zu dem Zeitpunkt sowieso noch nicht zurück nach Deutschland wollte, habe ich genau das getan und bin seitdem als japanische Angestellte beschäftigt.


Was hat sich mit dem Wechsel in einen japanischen Vertrag für dich geändert?

Mit dem deutschen Vertrag hatte ich nach deutschem Recht 30 Urlaubstage und auch bezahlte Krankheitstage. Überstunden habe ich auch keine gemacht. In der Zeit habe ich mir auch mal eine Woche am Stück frei genommen, wo ich dann doch recht verdutzt von meinem Vorgesetzten angeschaut wurde, da man dies in Japan nicht kennt.
Nachdem ich gewechselt habe, hatte ich nur noch 13 Urlaubstage und keine 30, bezahlte Krankheitstage hatte ich auch keine mehr. Überstunden mache ich allerdings immer noch nicht. Dies ist jedoch meine eigene Entscheidung, die ich auch im Hinblick auf meine Rolle als Ausländer getroffen habe und auch ein Stück weit für selbstverständlich ansehe. Bisher hatte ich damit keine Probleme und von meinen Kollegen wird dies auch akzeptiert.

 

Wie hat dich das Studium am Ostasieninstitut auf das Leben und Arbeiten in Japan vorbereitet?

Das OAI bietet ein Studium, in dem man ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein entwickelt, da man sich selbst organisieren muss, die Fremdsprache zu erlernen oder auch Hausarbeiten zu schreiben. Durch den Japanischunterricht und das Auslandsjahr hat man außerdem eine gute Sprachgrundlage, auf der man aufbauen kann.

 

Welche Ratschläge kannst du den heutigen Studenten rückblickend geben?

Als ich im siebten Semester war, war ich mir noch im Unklaren darüber, für welche Jobs ich mich bewerben kann. Mein Ratschlag ist, für alles offen zu sein, alle Möglichkeiten anzuschauen und nicht gleich Nein zu sagen wenn man etwas angeboten bekommt. Als mir der Job bei ABeam Consulting angeboten wurde, verfügte ich nur über SAP- Grundkenntnisse, die für eine Beraterposition nicht ausreichend waren. Trotzdem habe ich das Angebot angenommen und bin heute sehr froh darüber.
Erfahrungsgemäß wird man bei jedem Job erst einmal als Anfänger angesehen und Vieles wird einem on-the-job beigebracht. Man muss sich vorher also nicht zu sehr den Kopf zerbrechen, ob das Erlernte für einen bestimmten Job ausreichend ist oder nicht.
In meinem Fall wurde außerdem weniger auf die Noten geschaut, sondern speziell darauf, dass ich Japanisch, Englisch und Deutsch spreche, standortunabhängig bin, und auch großes Interesse daran hatte, etwas Neues zu erlernen. Es gibt viele Bewerber, die das nicht mitbringen und deshalb ist es besonders wichtig, bei einem Jobinterview zu vermitteln, dass man genau dazu bereit ist.

 

Danke für das interessante Interview und alles Gute für die Zukunft!

(Das Interview führte Svenja Neu.)

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